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Was bringt die Sommerzeit?

Auf der Website der EU-Kommission können alle noch bis 16. August 2018 an einer Umfrage zum Thema Sommerzeit teilnehmen. Falls einem die Zeitumstellung nicht gefällt, kann man auch angeben, ob man die Sommer- oder Winterzeit bevorzugt. Das Interesse am Thema Zeitumstellung scheint groß zu sein, jedenfalls war die Umfrage in den ersten Tagen vor lauter Seitenaufrufen kaum erreichbar.

Woher diese Umstellung?

Die Geschichte der Sommerzeit ist abwechslungsreich. Zum ersten Mal auf Sommerzeit umgestellt wurden die europäischen Uhren am 30. April 1916 im Deutschen Reich. Man wollte während des Ersten Weltkriegs an den langen Sommerabenden Energie sparen. Andere europäische Länder zogen gleich. Nach dem Krieg wurde die Zeitumstellung wieder abgeschafft, im Zweiten Weltkrieg wieder eingeführt, danach wieder abgeschafft, während der Ölkrise 1973 wieder eingeführt. Seit 1996 läuft die Sommerzeit einheitlich in der Europäischen Union vom letzten Sonntag im März bis zum letzten Sonntag im Oktober.

Das Argument mit der Energie-Einsparung galt übrigens schon 1974 als fragwürdig. Dafür ergeben sich durch die Zeitumstellung so einige Probleme.

Vieles gerät durcheinander

Meine Oma war Bäuerin und musste schon Wochen vor der Zeitumstellung ihre Kühe umgewöhnen. Jeden Tag wurde ein paar Minuten früher bzw. später gemolken, damit die Tiere sich langsam auf den früheren/späteren Zeitpunkt einstellen konnten. Ich weiß nicht, wie heutige Bauern oder Viehbetriebe das machen, in den 1970ern war es ein sehr starkes Argument.

Mittlerweile stellen sich viele Uhren automatisch um, aber längst nicht alle. So muss man zweimal im Jahr selbst Hand anlegen und an den Zeigern drehen. Nicht zu vergessen die Fotokameras, Mikrowellen und andere Kleingeräte.

Die zusätzliche bzw. verschwundene Stunde bringt natürlich auch den Verkehr durcheinander. Fernbusse kommen im Frühjahr unverschuldet eine Stunde später an, Nachtzüge machen im Oktober eine unnötige Pause. Für Arbeiter in der Nachtschicht ist es ähnlich: Da fehlt der Krankenschwester die Stunde zum Tablettenrichten oder die Wache dauert 60 Minuten länger. Zum Glück nur zweimal im Jahr.

Und schließlich fällt es vielen Menschen schwer, sich an eine neue Aufstehzeit zu gewöhnen, der gewohnte Rhythmus wird gestört. Im entsprechenden Abschnitt des Wikipedia-Artikels zur Sommerzeit sind Studien verlinkt, die gesundheitliche Auswirkungen der Zeitumstellung festgestellt haben.

Mit der Sonne wach sein

Wenn schon keine Energieeinsparung, was haben wir denn dann eigentlich von der Sommerzeit? Nun, sie gleicht das vorhandene Tageslicht an unsere Wachzeit an. Überlegt mal, wann ihr in etwa aufsteht, und wann ihr zu Bett geht. Es wäre doch gut, wenn ungefähr in dieser Zeit auch die Sonne scheint, oder? Vielleicht mit einer Tendenz dazu, dass es lieber morgens hell ist (um gut aus dem Bett zu kommen) als abends (weil man da bei Zimmerlicht noch gut zurechtkommt).

Ich habe mal drei Städte in Europa verglichen, nämlich Helsinki (weit im Nordosten, Finnland), Regensburg (meine Heimat, recht mittig) und Faro (südwestlich, Portugal). Folgendes Diagramm verdeutlicht die Sonnenaufgangs- und -untergangszeiten:

Diagramm mit drei Streifen, welche die Tageslichtzeiten für Helsinki, Regensburg und Faro verdeutlichen
In Helsinki schwankt der lichte Tag zwischen 9:23–15:12 Uhr (Winter) und 3:53–22:49 Uhr (Sommer). Regensburg hat im Winter Tageslicht von 8:02–16:16 Uhr, im Sommer von 5:07–21:19 Uhr. In Faro liegen Sonnenaufgang und -untergang zwischen 7:41–17:18 Uhr (Winter) und 6:12–20:54 Uhr (Sommer). Jeweils mit Zeitumstellung. Datenquelle:Time and Date, wo es sehr verständliche Jahresdiagramme gibt.

Jeder Balken in der Abbildung steht für die 24 Stunden von Mitternacht bis Mitternacht (von links nach rechts). Am oberen Rand jedes Balkens stehen jeweils die Sonnenzeiten vom 21. Dezember (kürzester lichter Tag), am unteren Rand die Sonnenzeiten vom 21. Juni (längste Sonnenscheindauer). Die Zacke in der Mitte jedes Balkens ist der letzte Sonntag im März: Hier wird die Uhr eine Stunde vorgestellt, der lichte Tag verschiebt sich nach rechts.

Praktisch vermindert die Zeitumstellung die Schwankungen des Sonnenaufgangs, verlängert den lichten Tag dafür zum Abend hin. Während der Normalzeit („Winterzeit“) wird es morgens einigermaßen früh hell. Dank Sommerzeit kommt das verfügbare Licht dann dem langen Abend zu gute, statt es um vier Uhr früh „verleuchten“ zu lassen.

Das hab ich nun davon

Zugegeben, die Umstellung der Uhren im März und Oktober nervt wirklich. Man sollte aber auch nicht vergessen, was jeder durch die Zeitumstellung gewinnt: Einigermaßen helle Wintermorgen und eine möglichst spät beginnende Sommernacht. Ob das den Aufwand wert ist?

Im Süden Europas hat die Zeitumstellung übrigens gefühlt einen stärkeren Effekt: Der Zeitpunkt des Sonnenaufgangs bleibt ungefähr gleich, während man abends deutlich an Licht gewinnt. In Europas Norden schwankt die Tageslänge dagegen insgesamt so stark, dass die eine Stunde zusätzlich kaum ins Gewicht fällt.

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Rubrik(en):  #kritik 

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