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Buchkritiken

Im folgenden einige Rezensionen, die ich mit meinem Bookcrossing-Profil geschrieben habe. Meine Absicht ist, Inhalte von mir nicht nur auf Fremdseiten, sondern auch auf meiner eigenen Website zu sammeln.

Übersicht:

Spannung, Krimi, Mystery

Belletristik

Sachbücher

 

Luther Blisset: Q

Wunderbar, dieses Buch. Geschichte, ohne langweilig zu sein. Zuerst fand ich das Wechselspiel zwischen der anonymen Hauptperson und den Briefen des Papstspions Q ein bisschen verwirrend, genau wie die ausgeprägten Zeitsprünge. Nach einer Weile hatte ich mich aber eingefunden.

Klar kann ein so dickes Buch nicht auf jeder Seite spannend sein, die Spannung verläuft eher in episodischen Wellen. Trotzdem hätte ich ihn mir nicht kürzer gewünscht, diesen 800-Seiten Epos.

Zur Schrift: Gesetzt in Minion Pro mit allen Finessen (Mediävalziffern, echte Kapitälchen, die Kursive sogar mit Schwungbuchstaben). Nur den großen Abstand vor ? und ! fand ich ein bisschen irritierend.

PS (als Eigenlob): Ab etwa der Hälfte des Buches hatte ich eine sehr starke Vermutung, wer hinter Q steckt … was sich dann am Ende bestätigt hat.

Daphne du Maurier: Das Geheimnis des Falken

Von der Autorin kannte ich bereits Wenn die Gondeln Trauer tragen, das mir mit seiner skurrilen, mystischen Art sehr gefallen hat. Wirklich toll, wie sie es hier schafft, ein beklemmendes, unbestimmtes Gefühl zu erzeugen. Im Grunde erzählt die Autorin nur eine recht einfache Geschichte, in die sich aber Ungewissheiten, Erinnerungen an die Vergangenheit und Andeutungen mischen, so dass man irgendwann nicht mehr weiß, was da eigentlich vor sich geht – obwohl man es doch einfach und gut nachvollziehbar erzählt bekommt.

Schöne, doppelbödige Geschichte. // Schriftart: Melior. // Übrigens: Von Daphne du Maurier (1907–1989) sind auch Rebecca und Die Vögel.

Donna Leon: Venezianisches Finale

Commissario Brunettis erster Fall über einen deutschen Dirigenten, der am Opernhaus in Venedig während der Pause zum dritten Akt von „La Traviata“ mit einer Tasse Kaffee (inklusive Gift) ermordet wird.

Meine Bewertung fällt mit drei von zehn Punkten deswegen so gut aus, weil ich nur bis Seite 28 gelesen habe und nicht weiß, ob das Buch danach genauso schlecht weitergeht. Ich bin damit einfach nicht warm geworden. Vielleicht bin ich ja gerade in so einer Phase, aber mich haben viele Details dieses Krimis ziemlich genervt. Beispiele:

Eine Ärztin wird zur Garderobe gerufen, in welcher der Tote liegt. Eines der ersten Dinge, die ihr auffallen, ist der „durchdringende, säuerliche Geruch nach bitteren Mandeln“ (S.12), woraus sie auf eine Vergiftung mit Zyankali schließt. Aber: Warum hat das Opfer nicht wahrgenommen, dass sein Kaffee so stark danach riecht, als ob jemand eine Flasche Aromasirup reingekippt hätte?

Zweitens fühlt die Ärztin die Körpertemperatur des Toten und sagt wenig später dem Kommissar gegenüber, sie schließe daraus, dass der Dirigent noch keine halbe Stunde tot sei. Wäre ehrlich gesagt auch schlecht möglich gewesen, denn vor einer halben Stunde stand er ja noch im Orchestergraben und hat gerade den zweiten Akt dirigiert – oder wie lange dauert so eine Aktpause in Venedig?

Dann solche sprachlichen Unsinnigkeiten wie: „[…] ihr Erstaunen schien echt zu sein. Oder einstudiert.“ Entweder erscheint das Erstaunen als echt, oder es erscheint als einstudiert. Eine Erscheinungsform ist immer eindeutig und kann nicht gleichzeitig zwei Zustände umfassen. Etwas kann echt oder einstudiert SEIN (beides ist möglich und man weiß nicht, welches nun stimmt), aber nicht erscheinen.

Oder einfach unglückliche Formulierungen: „Als er Brunetti sah, kam der Uniformierte zu ihm. »Ich habe doch gesagt, Sie können sie gehen lassen«, sagte Brunetti zu ihm.“ (S. 27) Wieso erfährt man erst im dritten Satz, dass im zweiten Satz jemand spricht, der im ersten Satz gar nicht die handelnde Person sondern das Objekt war?

Seufz, insgesamt wirkt die Sprache sehr hakelig, redundant und so, als hätte die Autorin (die Übersetzerin?) nicht nochmal drüber gelesen, ob die Erzählung auch flüssig über die Lippen geht.

Und gerade noch auf Seite 31 entdeckt: Der Bariton geht vor dem Stück in seine Garderobe, um mit seinem Make-up anzufangen, was sehr lange dauert? Haben die in Venedig keine Maske? Zumindest im Regensburger Theater machen die Operndarsteller höchstens die Grundierung selbst, den Rest schminken immer die Mitarbeiter in der Maske – gerade wenn es etwas aufwendiger ist.

Würde mich freuen, wenn jemand das Buch nach mir liest. Bin nämlich gespannt, ob nur ich so kleinlich bin oder ob diese Ungereimtheiten auch andere Leser stören.

Håkan Nesser: Am Abend des Mordes (Hörbuch)

Zuletzt habe ich von Håkan Nesser „Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod“ gelesen, was ein solider Krimi war, soweit ich mich erinnere.

Bei Hörbüchern dauert es immer ein wenig, bis ich mich an das Erzähltempo gewöhnt habe. Meist lausche ich ja Hörspielen und darin ist die Geschichte sehr verdichtet und viel knapper erzählt, als bei einer ruhigen, ausführlichen Lesung. Wider Erwarten hatte ich keine Probleme mit den Zeitsprüngen; sie waren deutlich angekündigt und man wusste von der Geschichte her schnell, wo man sich befindet.

Apropos Geschichte, die hat mir recht gut gefallen, wenngleich sie mal wieder zeigt: Leute, redet miteinander! Mit der Auflösung war ich recht zufrieden, im Grunde hat jede/r bekommen, was er/sie verdient.

Die Lesung von Dietmar Bär fand ich sehr angenehm. Seine Wahl für die Sprechstimmen einzelner Figuren war gut unterscheidbar, jedoch ein bisschen gewöhnungsbedürftig – ich hätte den Kommissar weniger rau und seine Kollegin dafür selbstbewusster gestaltet.

Alles in allem ein unterhaltsamer, gemächlicher Krimi mit interessanten Figuren und einer glaubwürdigen Ermittlung, dazu ansprechend gelesen.

Dan Brown: Origin

Hach, ein schön spannendes Buch. Typisch Dan Brown dreht es sich um ein großes Geheimnis, das dunkle Mächte versuchen, unter dem Teppich zu halten. Die Kapitel sind eher kurz und meisterhaft auf den Cliffhanger hingeschrieben, so dass ich recht schnell vorangekommen bin. Etwa nach drei Vierteln bekam ich eine leichte Ahnung, wer hinter der Verschwörung steckt, aber das hat den Lesegenuss nicht getrübt.

Die beiden längeren Stellen, wo wissenschaftlich präsentiert wurde, waren interessant zu lesen, obwohl sie die Handlung deutlich gebremst haben. Die Schilderungen der Orte (Madrid, Barcelona) haben mir gut gefallen, auch weil ich vor nicht allzu langer Zeit dort gewesen war.

Unterhaltsamer Thriller mit anregenden Betrachtungen über Religion und Wissenschaft. // Schrift: Caslon (mit Zitaten in Gill Sans und Kapitelüberschriften in Copperplate)

Keigo Higashino: Böse Absichten

Vom gleichen Autor habe ich eine Hörspielbearbeitung des Krimis „Verdächtige Geliebte“ gehört, der mir sehr gefallen hat. Nun war ich gespannt, ob sich auch hier der Ermittler so logisch an die Lösung (bzw. Konstruktion) des Falles macht.

Uih, das war ein tolles Buch! Man merkt die Parallelen zur „Verdächtigen Geliebten“, auch hier besteht die Geschichte aus sorgfältig konstruierten, doppelten und dreifachen Böden. War der Hintergrund in „Verdächtige Geliebte“ das Lösen einer mathematischen Logikaufgabe, so bildete das zugrundeliegende Thema hier die Methode, eine literarische Geschichte zu erzählen und Personen geschickt zu charakterisieren.

Man könnte kritisieren, dass diese Krimi-Konstruktion ziemlich abwegig und nicht sehr realistisch ist … für mich ist das völlig in Ordnung. Ich möchte lieber eine genial gebaute Geschichte lesen als etwas, das wahrscheinlich so auch in Echt passieren würde. // Schriftart: Die hübsche Greta Text mit ungewohnt niedrigen Großbuchstaben.


Orhan Pamuk: Schnee

Rot ist mein Name des selben Autors hat mich ja sehr begeistert. Ich bin mir hier aber nicht ganz schlüssig, wie ich das Buch finden soll. Auf jeden Fall war es sehr interessant, den Konflikt zwischen traditionellen, religiösen Werten und der Aufgeschlossenheit gegenüber westlicher Ideale aus dem Blickwinkel eines kleinen, eingeschneiten türkischen Dorfes zu sehen. Die Erzählperspektive hat mir auch bei diesem Buch gut gefallen.

Allerdings ist die Geschichte an sich nicht unbedingt spannend. Es passiert nicht sonderlich viel und stellenweise geraten die Ereignisse nur zu einer Art Odyssee, bei der die Hauptfigur Ka verschiedene Personen des Dorfes besucht. Lange Sätze und deren nicht immer sofort durchschaubare Konstruktion erschweren das Lesen.

Ein Buch, für das man eine gewisse Ausdauer mitbringen muss; dann kann man daraus aber auch einen Gewinn ziehen. Ich spendiere dem Roman 6/10 Sterne.

Pascal Mercier: Perlmanns Schweigen

Wie schon beim Nachtzug nach Lissabon spielt sich die Geschichte von Pascal Mercier vor allem im Inneren der Hauptperson Philipp Perlmann ab. Das beschert tiefe Einsichten und ein sehr persönliches Erleben. Allerdings bekommt es immer dann seine Längen, wenn sich die Hauptperson deutlich anders entscheidet, als man selbst handeln würdet, oder wenn sie bestimmte Dinge nicht berücksichtigt/bedenkt, die man selbst zuerst erledigt hätte.

Mit ein bisschen Durchhaltevermögen (vor allem im Mittelteil) entspinnt sich aber eine schöne Geschichte, die mit den Möglichkeiten spielt, was passieren könnte und (auch aufgrund von Zufällen) tatsächlich passiert. Ich hätte mir ruhig ein bisschen mehr Sprachwissenschaft gewünscht, da die Themen teilweise recht interessant waren. Schriftart: Aldus.

Sven Regener: Herr Lehmann

Dieses Buch habe ich unabsichtlich zweimal gelesen, am 28. Oktober 2011 und 3. November 2016.

Achtung, verrät inhaltliche Details: Die Geschichte spielt 1989 in Westberlin. Hauptperson ist ein knapp 30-jährigen Wahlkreuzberger, von allem Herr Lehmann genannt, der in einer Kneipe am Ausschank steht. Während des Buches begegnet er einem Hund, verliebt sich in die neue Kollegin, bekommt Besuch von seinen Eltern, … ein Alltagsleben also.

Das ist auch mein Hauptkritikpunkt an dem Buch: Zwar ist es witzig geschrieben, aber die Handlung trudelt nur so vor sich hin. Klar gibt es interessante Ereignisse, zum Beispiel gleich im ersten Kapitel, allgemein vermisse ich aber eine klare Linie und ein Ziel, auf das alles zusteuert. Letztlich wird die Maueröffnung, die sich am Ende das Roman ereignet, auch nur zu einem Alltagsereignis.

Die Sprache war in Ordnung, nur waren die Kapitel manchmal etwas komplex strukturiert (schneller Wechsel der Rede, sprachliche Einschübe), so dass man nicht sofort folgen konnte. // Schrift: Janson Text.

Beim zweiten Mal scheint mir „Herr Lehmann“ besser gefallen zu haben: Ich bin mir nicht sicher, ob der Roman was für mich ist – zumindest ist das schon mal nicht meine Generation, der Herr Lehmann angehört. Bin mir auch nicht ganz sicher, ob ich die Geschichte schon mal als Hörspiel gehört habe.

Nach der Lektüre: Nicht gerade spannend, das Buch. Aber die Geschichte ist gut erzählt und interessant. Ich mag die langen, mäandernden Sätze und die schön beschriebenen Szenen. Sympathische Figuren. Und ja: Ich habe „Herr Lehmann“ schon mal als Hörspiel gehört, aber das ist schon lange genug her, um mir einige Kapitel nur entfernt vertraut erscheinen zu lassen. // Schrift: Janson.

Julie Otsuka: Wovon wir träumten

Es beginnt mit der Überfahrt: Junge Japanerinnen verlassen ihr Land, um in Amerika verheiratet zu werden. Jede hat eigene Erwartungen, Hoffnungen, Ängste. Die Autorin bündelt diese Eindrücke in einem Strom aus Erfahrungen, konsequent erzählt aus der Wir-Perspektive und durch Leerzeilen in gut verständliche Portionen untergliedert. Ein ungewöhnliches, detaillreiches und spannend erzähltes Buch, das die Erlebnisse einer ganzen Gruppe über mehrere Jahre verknüpft. Toll!

Marcel Proust: In Swanns Welt

Vielleicht ist Marcel Proust ein Autor, den man nur abschnittsweise lesen kann. Dies dann gemeinsam und mit Bleistiftbemerkungen zu tun, hilft beim Durchhalten und motiviert zum genauen Lesen. Ohne die Lesepartnerschaft mit dir, Lilo37fee, hätte ich ganz sicher nicht durchgehalten. Danke, dass du dich mit mir „In Swanns Welt“ begeben hast!

Obwohl die Lektüre eine sehr interessante Erfahrung war, die ich gerne gemacht habe, kann ich das Buch nicht empfehlen. Es ist schrecklich arm an klarer Handlung und macht es einem mit seiner fließenden Erzählweise nicht leicht.

Meine Leseeinheiten waren übrigens mit Lilo37fees Textportionen verzahnt – immer die erste Hälfte davon hatte sie schon gelesen, die zweite Hälfte war ich ihr dann wieder voraus und umgekehrt. Hier meine Anmerkungen zu den einzelnen Abschnitten:

20.12.2014 · Anstrengend, definitiv. Aber auch voll schöner und interessanter Gedanken, Bilder, Assoziationen. Ein fordernder Einstieg, ein allmähliches Enthüllen, ein langsames Anlaufen mit einem bildgewaltigen, genialen Ende. Als hätte man auf dem detailreichen Schauplatz auf einmal die Scheinwerfer aufflammen lassen, wo vorher nur einzelne Windlichter leuchteten. Ich mag die Großmutter (→S. 19, 23), bin ein wenig genervt von der mir unverständlichen Muttervergötterung (→S. 22, 41) und liebe es, wie Angedeutetes einige Seiten später konkretisiert wird (z. B. wie die Personen unbenannt kurz erwähnt werden und erst nach und nach Persönlichkeit bekommen, →S. 37). Wie reflektiert man mit dem Bleistift doch liest …

23.12.2014 · Der zweite Abschnitt unterscheidet sich sehr vom ersten. Weniger Theorie, mehr Alltag, periphere Personen. Leider auch lange, detaillierte Beschreibungen. Ich glaube, gewisse Leitmotive zu erkennen, die zu einer Geschichte verwoben werden, z. B. Combray, die Familie, Literatur. Mal sehen.

15.02.2015 · Der dritte Abschnitt (S. 133–206) spielt eindeutig in Tante Léonies Welt. Es geht sehr um die Familie des Erzählers und um deren Beziehungen zum Adel und anderen Ortsbewohnern. Swann tritt zeitweilig in den Hintergrund, doch seine Tochter (das Weißdornmädchen) wird die Familie Swann nach Tante Léonies Tod wohl wieder bedeutender für den Erzähler werden lassen.

Viele Naturbetrachtungen prägen das Ende des ersten Teils, kombiniert mit der Auslotung innerer Gefühle, besonders Frauen und einer möglichen Schriftstellertätigkeit gegenüber. Wie sehr prägen die Erfahrungen und Eindrücke aus unserer Kindheit die Wahrnehmung im Erwachsenenleben? Am Ende eine sehr ähnliche Szene wie am Schluss des ersten Kapitels (S. 67), diesmal jedoch mit einem richtigen „Scheinwerfer“.

30.04.2015 · Der zweite Teil führt eine Pariser Abendgesellschaft vor, in der jeder möglichst viel Esprit versprühen will, im Grunde aber nur ein kleinbürgerlicher Blender bleibt. Hier verbringen auch Charles Swann und Odette de Crécy ihre Abende, um den Beginn der Nacht dann noch bei ihr zu verbringen. Marcel Proust schildert sehr genau, wie Zeit und Liebe die Ansichten der Personen verändern; noch immer gibt es wenig Handlung, dafür viel Charakterisierung (teilweise aber sehr lustig). Ein paar spannende Situationen zwischen Swann und Odette gibt es aber schon.

04.07.2015 · Wie in keinem Abschnitt zuvor ist mir zwischen S. 367 und S. 502 aufgefallen, wie unbestimmt Proust die zeitlichen Bezüge lässt. Nur an wenigen Stellen beginnt er wirklich einen neuen Zeitabschnitt. Stattdessen erzählt er in langen Szenen und nur durch kurze Erwähnungen in Nebensätzen („als Odette mal für ein Jahr nicht in Paris war“) bekommt man eine Ahnung, wie viel Zeit vergangen ist. Ging die Beziehung mit Odette zwei Jahre oder zehn? Wer weiß.

12.08.2015 · Ich lese im letzten Abschnitt vor allem wieder, dass wir uns einen großen Anteil der Wirklichkeit durch unsere Erwartungen selbst konstruieren. Sind die Erwartungen andere, verändern sich auch „Häuser, Straßen, Avenuen“. Nicht diese sind flüchtig, sondern unser Blick darauf.

Robin Sloan: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra

Der Roman ist mir als Schriftbegeisterten von so einigen Leuten empfohlen worden, allerdings nicht ohne kleine Einschränkungen. Das Cover dieses Exemplars hat mir ja nicht so richtig gefallen; ziemlich chaotisch und mit einer sehr dilettantisch wirkenden Schrift für den Titel. Einen kleinen Kniff besitzt es aber doch. Nachdem ich gestern Nacht das erste Kapitel gelesen und das Licht gelöscht hatte, habe ich entdeckt, dass der Lack auf dem Schutzumschlag nachleuchtend ist. Im Dunkeln glimmte das Garamond-g, siehe Journalbild. Witzige Idee, die mir bisher noch nicht untergekommen ist.

Sehr gut an dem Buch haben mir die witzigen Personenbeschreibung gefallen. Ansonsten ist es schon sehr in der Zeit verhaftet und nennt viele bekannte Marken (Kindle, Google, …). Persönlich finde ich generische Beschreibungen meist geschickter, es passt aber zum etwas lockeren Sprachstil des Buches.

Mit der kaum reflektierten Gutgläubigkeit in die moderne Technik bleibt die Geschichte ein wenig oberflächlich. Selbstverständlich ist es wichtig, dass Wissen möglichst einfach zugänglich für alle ist – aber nicht jedes Wissen (Beispiel: Anleitungen für einfache Biowaffen, Razzia-Einsatzpläne der Polizei). Manchmal ist auch das Rätsel einfach wichtiger als die Lösung, und simples Googlen verhindert eine tatsächliche Auseinandersetzung mit der Materie.

Stellenweise ist der Roman sehr schlecht übersetzt. Zum Beispiel wird “roman [alphabet]” mit „römisch“ übersetzt (S. 43), man spricht im Deutschen aber vom lateinischen Alphabet. Oder: “[I didn’t know you can] code” (S. 149), was als „codieren“ übersetzt wird. Muss natürlich „programmieren“ heißen, oder höchstens noch „[Programm-]Code schreiben“.

Davon abgesehen ist die Idee der Story ganz nett, gerade im letzten Drittel wird es meiner Meinung nach auch spannend. // Schriften: Caslon No. 540 (leider mit falschen Kapitälchen) sowie Calibri für Mail- und Message-Texte.

Alina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche

Cover, Titel und Klappentext lassen auf ein freches, witziges Frauen-Humor-Buch schließen.

Dieser Roman war uns in den vergangenen Monaten eine sehr unterhaltsame Gute-Nacht-Lektüre. Kein Frauen-Humor, sondern eine charakterstarke Familiengeschichte mit viel Witz. Besonders gut gefallen hat mir die Erzählperspektive. Es berichtet die sehr praktisch veranlagte Großmutter, die die Geschicke ihrer Tochter und Enkelin in die Hand nimmt und auch mal hart durchgreift. Der Leser merkt, dass sie damit gelegentlich übers Ziel hinausschießt, obwohl sich Rosalinda für unfehlbar und unersetzlich hält.

Diese Diskrepanz ist sehr lustig und anregend! Ich fand die (Groß-)Mutter übrigens überhaupt nicht böse. Sie handelt logisch und im festen Glauben, etwas Gutes zu tun. Ihr fehlt es allerdings an jeglicher Empathie … Trotzdem, mich hat Rosa nicht aufgeregt, auch wenn ich ihr Handeln für nicht nachahmenswert halte.

Schriften: Eine streng geometrische Futura (für Titel) und die spröde Cochin (im Lesetext) – ungewöhnlich passend zur Hauptfigur.

Max Frisch: Biedermann und die Brandstifter

Gottlieb Biedermann ist ja kein Unmensch. So setzt er den Obdachlosen Sepp abends nicht vor die Tür, zumal es ja regnet. Obwohl man ja viel von Brandstiftern hört, dieser Tage. Und natürlich, spätestens als auch noch Sepps Bekannter Willi in der Dachkammer nächtigt, hätte Biedermann etwas unternehmen sollen. Doch man muss auch ein wenig Vertrauen haben, nur weil jemand mal im Gefängnis gesessen hat …

Mir hat dieses Theaterstück hervorragend gefallen, wie Biedermann sehenden Auges ins Verderben läuft, nur um sich nichts nachsagen zu lassen … schön auch der Chor der Feuerwehrleute, der mahnend beobachtet. // 9 von 10 Sternen.

Thomas Mann: Mario und der Zauberer

Die kurze Erzählung hat mir recht gut gefallen. Ja, die Sprache ist ein wenig verwinkelt, aber nach einiger Zeit liest man sich ein und stellt fest, wie exakt Thomas Mann ausdrückt, was er meint. Der unscheinbare, alltägliche Nationalismus mischt sich beklemmend in die Urlaubserzählung. Ich finde spannend, wie unsympathisch der Zauberer beschrieben wird und wie sehr er sein Publikum in seinen Bann schlägt. Auch der Erzähler kann sich nicht erklären, warum er nicht einfach gegangen war.

Typografisch ist das Buch allerdings untere Mittelklasse. Statt einer Kursiven zur Betonung wird gesperrt (S. 22) und die verwendete Bauer Bodoni würde ich wegen ihres viel zu starken Dick-Dünn-Kontrast als ziemlich lesefeindlich bezeichnen.

Alice Munroe: Wozu wollen Sie das wissen?

Habe dieses kleine, glänzende Buch mit den abgerundeten Ecken bei der Einweihung des offenen Bücherregals in Kelheim mitgenommen. Als Alice Munroe vor sechs Jahren mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet wurde, habe ich mitbekommen, dass sie wohl Kurzgeschichten über den ländlichen Alltag schreibt. Das hat mich damals nicht besonders zum Lesen motiviert, aber nun haben mich die handliche Aufmachung des Buches und der provokante Titel neugierig gemacht.

Schon lange aber habe ich kein Buch mehr gelesen, das so langweilig war. Und gleichzeitig so angenehm unterhaltsam und entspannend. Vielleicht, weil ich zuvor „Origin“ von Dan Bown verschlungen hatte, wirkten die beschriebenen Ereignisse von Alice Munro besonders unspektakulär: Die lange Überfahrt entfernter Vorfahren nach Amerika, Siedlungsbewegungen und Familienzwiste, seltsame Farmer im Dorf, die Fuchszucht der eigenen Eltern, die einstige Arbeit als Hausmädchen, geologische Besonderheiten der Landschaft, alte Hügelgräber … ganz allgemein Veränderungen der Art zu Leben.

Da fehlt ein Spannungsbogen, es gibt kaum Überraschungen. Aber die beschriebenen Menschen werden einem sympathisch, die Reflexionen sind interessant und mich erfasste beim Lesen des öfteren eine wohlige Wehmut, Empathie mit der Erzählerin. Ungewöhnliche Lektüre. Nicht 100%ig empfehlenswert, aber irgendwie doch. // Schriftart: Minion.

F. Scott Fitzgerald: Der Große Gatsby

Uhh, das war ein gutes Buch! Von der Handlung her sehr verdichtet, dennoch mit ausgewogenem Erzähltempo, umfangreicher Atmosphäre und gelungener Charakterzeichnung. Auch sprachlich extrem ansprechend mit kräftigen Sätzen, tollen Bildern und schönen Formulierungen. Von der Geschichte her passiert gar nicht sooo viel, dennoch ist der kurze Roman nicht langweilig. // Schrift: Eine gewöhnliche Garamond.

Hier noch ein Textbeispiel für die Sprache und Erzählweise, zu finden auf Seite 42, als der Erzähler nachts im Garten zum ersten Mal seinem Nachbarn Jay Gatsby begegnet:

„Die Silhouette einer Katze huschte über das Mondlicht, und als ich den Kopf wandte, um ihr mit den Augen zu folgen, entdeckte ich, dass ich nicht allein war – kaum zwanzig Meter von mir entfernt war eine Gestalt aus dem Schatten der Nachbarvilla getreten und betrachtete, die Hände in den Hosentaschen, den silbernen Sternenpfeffer. Irgendetwas an seinen bedächtigen Bewegungen und die Art, wie er mit beiden Füßen sicher auf dem Rasen stand, legte die Vermutung nahe, dass dies Mr. Gatsby persönlich war, der einmal nachsehen wollte, welcher Teil des hiesigen Himmels der seine war.“


Romano Guardini: Vom Sinn der Schwermut

Bereits 5 Einträge und noch keine Bewertung? Hat niemand das Buch gelesen? – Na, dann werde ich das mal nachholen: Ein sehr schlechtes Buch. Es soll wohl die Aufzeichnung einer Vorlesung sein und damit wissenschaftlichen Charakter haben. Hat es nicht.

Das erste Kapitel besteht nur aus Kierkegaard-Zitaten und soll damit auf das Thema Schwermut einstimmen. Ist Kierkegaard wohl der einzige Mensch, der jemals Schwermut an den Tag legte? Wozu diese Einseitigkeit?

Wegen der umständlichen Sprache habe ich nur die erste Hälfte des Buches gelesen, um dann ins Schlusskapitel zu springen und vielleicht dort zu erfahren, was denn nun der Sinn der Schwermut sein soll. Ergebnis:

„Die Schwermut ist Ausdruck dafür, daß wir begrenzte Wesen sind, […] daß wir Wand an Wand mit Gott leben. Daß wir angerufen sind durch Gott; aufgerufen, ihn in unser Dasein aufzunehmen.“

Ich habe ja nun wirklich nichts gegen Religion. Aber ich hatte mir eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Schwermut erwartet. Kein pseudo-heilsbringerisches Gefasel. Meine Empfehlung: Finger weg von diesem Buch!

Douglas R. Hofstadter: Gödel, Escher, Bach

Eigentlich weiß ich gar nicht, was ich unter diesem Buch vorstellen soll, das ich vom gestrigen Bookcrossertreffen mitgebracht habe. Mich faszinieren die Bilder von M. C. Escher und ich mag Bücher mit mathematischen Themen (was der Formelsatz verspricht). Die Grundschrift ist auf den ersten Blick recht schmal; ich hoffe, daran gewöhne ich mich schnell.

Nach der Lektüre: Ein dicker Schinken über Logik und Rekursion in Bildern, Musik und Mathematik. Dazu Gedanken zu künstlicher Intelligenz, freiem Willen, Mustererkennung … Eine ziemlich fordernde Lektüre, aber auch inspirierend. Sehr gut gefallen hat mir die Verschachtelung von sachlich-theoretischen Kapiteln mit eher literarisch-experimentellen Dialogen von Achilles, Krebs und Schildkröte. Sie haben sich oft mit dem gleichen Thema beschäftigt, aber einmal auf erklärende Art, ein andermal auf praktische, indirekte Weise. // Schriften: Syntax (Titel), ITC Weidemann (Text).

Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus

Sehr streng strukturiere Analyse über das, was mit Sprache ausgedrückt und folglich gedacht werden kann. Am Anfang des letzten Drittels wurde es etwas mathematisch und entfernte sich meiner Meinung nach von dem, wofür Menschen in ihrem Alltag Sprache tatsächlich verwenden. Nichtsdestotrotz eine sehr klare Abhandlung, die mit ihrem strikten, gegliederten Aufbau schön zu lesen war.