@charak
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Überzeugende Argumente

Man kann nicht fünf Wölfe und ein Schaf über das Abendessen abstimmen lassen.

Dieses Zitat stammt vom amerikanischen Verleger Larry Flynt. Er ergänzt: „Das Mehrheitsprinzip funktioniert nur dann, wenn die Rechte von Einzelnen berücksichtigt werden.“

Ich bin allgemein recht skeptisch, welches Gewicht die Meinung einer Mehrheit haben sollte. Natürlich erkennt man eine gewisse Tendenz, wenn ein großer Anteil von Personen sich für eine bestimmte Entscheidung ausspricht. Das bestätigt aber noch lange nicht, dass dies auch die fairste Lösung oder zutreffendste Antwort ist. (Besonders eine knappe Entscheidung sagt für mich vor allem aus, dass nicht ausreichend über die eigentlichen Wahlmöglichkeiten nachgedacht wurde.)

Gerade in Zeiten von Social Media lassen sich Mehrheiten leicht mit populistischen (Falsch-)​Behauptungen gewinnen; oder die Einhelligkeit einer Meinung wird von organisierten Trollgruppen nur vorgespiegelt (Stichwort 50 Cent Army). Der Mehrheit kann auch schlicht das nötige Wissen oder die Empathie für Betroffene fehlen, um eine informierte, gerechte Entscheidung zu treffen.

Wenn nicht auf Mehrheiten, sollte man sich dann zum Beispiel auf bekannte, hochrangige Meinungsführer:innen verlassen? Das finde ich auch nur bedingt. Sowohl kann großer Unsinn von wichtigen Personen kommen (muss ich hier Donald Trump erwähnen?), als auch brillante Betrachtungen von Leuten mit zweifelhaftem Ruf (der oben genannte Larry Flynt produziert vor allem pornografische Magazine). Und nun?

Logisches Argument

Ich glaube sehr an Argumente. Im Deutschunterricht habe ich Erörterungen noch gehasst, doch mittlerweile bin ich froh, dabei das Handwerkszeug zum Argumentieren beigebracht bekommen zu haben. Zur Erinnerung, ein Argument besteht aus Behauptung, Begründung, Beispiel und einer abschließenden Folgerung. Praktisch umgesetzt:

(Behauptung) Auch prominente Personen treffen nicht unbedingt die beste Entscheidung zum Wohle aller.
(Begründung) Jede:r, egal wie bekannt, hat Überzeugungen, Interessen, Voraussetzungen und bestimmte Informationen zur Verfügung. Wie umfassend und objektiv diese sind, hängt nicht vom Bekanntheitsgrad einer Person ab, sondern zum Beispiel von deren Interessen, kulturellem Hintergrund und ihrer Bildung.
(Beispiel) Beispielsweise schlägt der sehr bekannte Präsident Donald Trump keine wirksamen Gegenstrategien vor, um Schießereien in Schulen zu vermeiden. Auffälligerweise ist Donald Trump von starkem Wirtschaftsglauben geprägt (Deregulierung, das Recht des Stärkeren) und bekommt viel Unterstützung der amerikanischen Waffenlobby.
(Folgerung) Dass eine Person einen hohen Bekanntheitsgrad hat, führt nicht automatisch dazu, dass sie sich für die Allgemeinheit einsetzt.

Puh, jetzt weiß ich auch wieder, warum ich das förmliche Argumentieren nicht besonders mochte. Man produziert schnell weitere Aussagen, die man belegen müsste („keine wirksamen Gegenstrategien“, „bekommt Unterstützung der Waffenlobby“) und wiederholt offensichtliches („Jede:r hat Überzeugungen, Interessen …“). Wer es trotzdem genauer wissen möchte, kann beim Bayerischen Rundfunk nachlesen, wie man Erörterungen aufbaut. Ich bin froh, hier nicht in der Schule zu sein und ein bisschen „schlampiger“ argumentieren zu können – so wie in diesem Blogartikel.

Nicht überzeugend

Natürlich ist die Form des Arguments kein Allheilmittel. Schließlich kann man – das tun Anwält:innen beruflich – für jede Seite argumentieren. Auch für solchen Humbug wie: In England sind die Menschen glücklicher als in Deutschland; denn die englische Sprache enthält mehr Vokale als das Deutsche und ist damit heiterer. Der beste Beweis ist meine optimistische Oma, die in London aufgewachsen ist. Darum sollten wir alle nur noch englisch sprechen. – (Ich verweise hier auf meine Twitterserie Erfundene Fakten)

Das schöne ist, man sieht einem gut strukturierten Argument leichter an, wie plausibel es ist. Fadenscheinig wird es, wenn die Begründung selbst aus unbelegbaren Behauptungen besteht oder ein seltener Einzelfall als typisches Beispiel herhalten muss; Leseempfehlung: Argument-Typen bei Wortwuchs.net. Außerdem kann ein Argument andere, viel wichtigere Aspekte völlig ausblenden, beispielsweise:

Alle Menschen sollten mit einem Chip ständig geortet werden können. Viele Einbrüche lassen sich nicht aufklären, weil die Polizei nicht feststellen kann, wer sich am Einbruchsort aufgehalten hat. Schon jetzt funktionieren Fußfesseln sehr gut zur Überwachung. Um Verbrechen besser aufzuklären, sollte man die Ortungsmöglichkeit aller Menschen vorantreiben. – Wo bleiben hier Privatssphäre, Verhältnismäßigkeit, Freiheitsrechte und die Unschuldvermutung? Sie kommen hoffentlich dann in den entsprechenden Gegenargumenten.

Ähnlich ist es mit dem Eingangszitat über die Wölfe und das Schaf. Es existiert in einigen Abwandlungen (siehe englischsprachige Diskussion auf Democratic Underground und auf Reddit). In einer Varianten mit einem bewaffneten Schaf soll damit begründet werden, dass Waffen dem Schutz von Minderheiten dienen.

Ein guter Argumente-Schmieder

Wen ich übrigens sehr für seine Argumentationsfähigkeit bewundere ist Ralf Herrmann. Er analysiert eine Fragestellung unglaublich sachlich und begründet Punkt für Punkt, wie er zu seiner Einschätzung kommt. Ich schätze das sogar, wenn ich nicht seiner Meinung bin, weil es mich anregt, mir wirklich Gedanken über meine Position zu machen.

Zwei Beispielartikel von Ralf: Übers Argumentieren schreibt er in Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Den angeblich so gravierenden Vorteil des langen ſ zerpflückt er in Das Wach-Stuben-/Wachs-Tuben-Argument.

Abschließend mein Wunsch für jede Diskussion (vor allem online): Nicht lauter brüllen, sondern besser argumentieren.

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Rubrik(en):  #kritik  #methodik 

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