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10 Jahre Twitter

❦ Der Golem ist geformt; mal abwarten, ob er sich selbst beatmet.

… so lautete mein erster Tweet, den ich am 19. Januar 2010 veröffentlicht habe. Es sind jetzt also zehn Jahre, in denen ich Twitter nutze. Anfangs habe ich täglich einen Tweet verfasst und sah das ganze als kreative Herausforderung. Dazwischen habe ich ein paar mal einen Monat pausiert, die Tweetdichte hat nachgelassen. Im Gegenzug habe ich Twitter zusätzlich zur Kommunikation genutzt.

Meine Erwartungen an den „Mikroblogging-Dienst“ hatte ich einen Monat nach Beginn als kleine, kritische Serie formuliert:

✉ Wozu Twitter (1/9)? Kontakt mit Freunden halten. Alternativen: Brief, Telefon, E-Mail, SMS, Treffen. Meistens persönlicher, direkter. (#)

⚠ Wozu Twitter (2/9)? Themen verfolgen, sich passiv informieren. Alternativ: Newsletter, RSS-Feed, Podcast. Meist ausführlicher, spezieller. (#)

➴ Wozu Twitter (3/9)? Schnell Antworten erhalten. Funktioniert nur bei gutem Netzwerk. Alternativ: Eigene Recherche. Meist zeitaufwändiger. (#)

Die weiteren Folgen dieser Serie sind komischerweise nicht mehr online. Sucht man meine Tweets bis Oktober 2010 fehlen dazwischen fünf Monate. Zum Glück kopiere ich meine Tweets immer in ein Textdokument – dann geht nichts verloren:

⚔ Wozu Twitter (4/9)? Ersatz für Chat. Schließt andere aber oft aus, erzeugt unwichtiges Rauschen. Alternative: Direktkontakt.

⚄ Wozu Twitter (5/9)? Alternativ zur Suchmaschine, zufälligerer Weg ins Netz. Als Spielwiese, auf der man interessante Perlen finden könnte.

✍ Wozu Twitter (6/9)? Persönliche Statusmeldungen absetzen, »Ich bin hier«. Wie relevant, beständig ist das für meine Leser?

⚐ Wozu Twitter (7/9)? Werbung für sich, sein Blog, seine Firma – kurz gesagt: Aufmerksamkeit erregen. Was bringt mir der digitale Applaus?

↺ Wozu Twitter (8/9)? Soziale Wahrnehmung erweitern, was passiert um mich herum? Erzeugt Gemeinschaftsgefühl, nicht allein vor dem Computer.

⚡ Wozu Twitter (9/9)? Kreativ werden durch die Beschränkungen von Twitter, Kurzideen austesten. Inspiration gewinnen durch strenges Format.

Auch nach dieser Serie hat mich Twitter noch eine ganze Weile fasziniert. Die ersten dreizehn Artikel dieses Blogs (im Archiv ganz unten) haben sich alle mit verschiedenen Aspekten von Twitter beschäftigt, zum Beispiel mit Echtzeit und Relevanz, wem ich gerne folge oder was ich überhaupt twittere.

Zehn Jahre später …

Wenn ich Twitter mal aus der heutigen Warte aus betrachte, dann ist es eigentlich nichts Besonderes mehr (im positiven wie negativen Sinne). Ich bedaure, wie kurzlebig so ein Tweet ist, selbst wenn man etwas mehr Einfallsreichtum hineingesteckt hat. Es bleibt gefühlt nichts hängen.

Was ich auf Twitter lese, sind vielfältige Infohäppchen. Viel hat mit Typografie und Medien zu tun, manchmal Nachrichten und Politik. Ich versuche Empörungsverbreiter zu meiden und folge eher ruhigen, besonnenen Leuten. Meist ist meine Timeline dadurch unterhaltsam, versorgt mich mit Entdeckungen und erweitert meinen Horizont – bedingt durch ihre Mischung ist aber auch Belangloses dabei.

Es ist eine Gewohnheit geworden, Twitter zu nutzen. Und bei diesem Stichwort fällt mir das Buch ein, das ich gerade lese: „Hooked – Wie Sie Produkte erschaffen, die süchtig machen“ von Nir Eyal. Es beschäftigt sich vor allem mit digitalen Diensten und wie diese mit psychologischen Tricks ihre Kund:innen an sich binden können. Die Absicht ist, das Produkt zur Gewohnheit werden zu lassen. Klingt ziemlich hinterhältig, oder?

Im Kapitel „Die moralischen Aspekte von Manipulation“ geht es aber ebenfalls darum, ob es vielleicht gut sein kann, Nutzer:innen so zu überlisten. Als entscheidende Fragen sollen helfen, ob die Entwickler:innen das Produkt selbst verwenden (bei Twitter: drei von vier schon) und ob es einen positiven Nutzen hat. Die letzte Frage ist ein bisschen eine Abwägungssache, aber mit Abstrichen (Infoflut, Oberflächlichkeit, Trollnetzwerke) würde ich Twitter schon positiv bewerten (schnelle Information, Interessengruppen vernetzen, öffentliche Timeline).

Ich denke, ich werde im Februar dennoch mal wieder eine Pause von Twitter einlegen, so wie ich das in den ersten Jahren bewusst gemacht habe. Einfach einen Monat lang nichts twittern und auch keine Timeline lesen. Mal sehen, wie sich das auswirkt und ob ich etwas über mich und meine Nutzungsgewohnheiten lerne.

Nutzt ihr Twitter? Welche Erfahrungen macht ihr damit und findet ihr es eine nützliche Anwendung? Oder habt ihr vielleicht Fragen, die euch ein „alter Hase mit 10 Jahren Praxis“ beantworten kann? Ich freue mich über Kommentare!

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Rubrik(en):  #ansporn  #kritik  #serie 

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