@charak
terziffer

Manches braucht mehr als 280 Zeichen …

Auf dieser Website ist Platz für das, wofür mein Twitterprofil @charakterziffer nicht ausreicht. Mein Blog ist als Plus zu meinen Tweets gedacht, eben „@cz+“. // Die letzten drei Artikel:

Harmonische Verhältnisse

Am 19. August 2022 hatte unser Papierformat ein Jubiläum: Die Blattgröße DIN A4 ist vor genau 100 Jahren genormt worden. Genauer gesagt war es ein ganzes System aus verschiedenen Größen – von 4mal A0 bis A10, dazu die leicht größeren B- und C-Reihen (z. B. für Umschläge) und die etwas kleinere D-Reihe. Diese über 40 definierten Papiergrößen haben eines gemeinsam: Die kurze Papierseite verhält sich zur längeren wie 1 zu √2 (die Quadratwurzel aus 2, ungefähr 1,4142…).

Was ist das besondere an diesem krummen Seitenverhältnis? Es ist das einzige, dass gleich bleibt, wenn man das Format in der langen Seite halbiert. Faltet man ein DIN-A4-Blatt (29,7 × 21 cm) in der Mitte, entsteht ein halb so großes Blatt im Format DIN A5 (21 × 14,8 cm). Bei beiden Blättern ist die lange Seite √2-mal so lang wie die kurze.

Durch mehrmaliges Halbieren entsteht aus einem A3-Papier erst das Format A4, dann A5 und schließlich A6.

Bei jedem anderen Format entsteht beim Halbieren immer abwechselnd ein breiteres oder schlankeres Rechteck. Hier beispielsweise ein Blatt mit dem Verhältnis 5 zu 6:

Halbiert man ein breites Blatt mit dem Seitenverhältnis 5:6 erhält man ein schlankes Blatt im Format 3:5. Beim erneuten Halbieren landet man wieder beim Verhältnis 5:6 und so weiter.

Es hat große Vorteile, wenn Papiermaße auf einheitliche Größen genormt sind. Zum Beispiel passen Akten genau in den entsprechenden Ordner, ohne dass oben oder seitlich etwas hervorsteht; ein ausgedruckter Brief lässt sich einfach falten und geht genau in den genormten Umschlag; man kann in jedem Schreibwarenladen Druckerpapier kaufen, ohne vorher messen zu müssen, ob das Format daheim wirklich in den Drucker passt. Und durch das „magische“ Seitenverhältnis 1:√2 lassen sich Vorlagen auf dem Kopierer vergrößern und verkleinern und gehen trotzdem auf das nächstkleinere oder nächstgrößere Blatt, weil die Proportionen ja gleich bleiben.

Praktisch, aber langweilig

Papiere im Verhältnis 1:√2 gab es schon zu Zeiten der Französischen Revolution. Auch für den Renaissance-Architekten Andrea Palladio zählte dieses Format zu harmonischen Seitenverhältnissen, die er in seinen Gebäuden zum Beispiel für Räume, Türen oder Fenster benutzt hat.

Eine Kritik am genormten Papierformat ist, dass es ziemlich unästhetisch sei (sagt zum Beispiel der bekannte Gestalter Erik Spiekermann im Dlf-Kultur-Beitrag über das DIN-Format). Meiner Meinung nach hat das viel mit Gewohnheit zu tun. Wenn jeder das gleiche Format verwendet, gilt dieses schnell als gewöhnlich, als langweiliger Standard. Alles was davon abweicht, ist interessanter.

Bei Büchern hat sich kein einheitliches Seitenverhältnis durchgesetzt, sondern das Format richtet sich im Idealfall nach dem Inhalt: Lyrikbände mit kurzen Gedichtzeilen sind eher schmal, mehrspaltige Nachschlagewerke eher breit, Romane liegen irgendwo dazwischen. Große Bildbände mit Landschaftsfotografien kommen manchmal sogar im Querformat daher.

Das allerschönste Format

Bevor sich das DIN-Format durchgesetzt hat, waren Papiere mit anderen Seitenverhältnissen üblich, zum Beispiel das schlanke, elegant wirkende Format 2:3 oder das als ruhig geltende 3:4. Aus dem Filmbereich kennt man das Bildformat 16:9 (als Querformat, so wie auch unsere Augen angeordnet sind). Ein weiteres bekanntes Seitenverhältnis ist der Goldene Schnitt (ca. 1:1,618).

Vier Rechtecke mit verschiedenen Seitenverhältnissen, so wie sie im vorhergehenden Absatz genannt wurden.

Im 19. Jahrhundert untersuchte Gustav Theodor Fechner, Begründer der Psychophysik, ob es ein bestimmtes Seitenverhältnis gibt, das wir Menschen besonders ästhetisch finden – und ob es vielleicht der berühmte Goldene Schnitt sei. In seinem Buch Vorschule der Ästhetik von 1876 beschreibt er im Band 2 ab Seite 184 ein Experiment: Fast 350 Personen sollten aus zehn verschiedenen Karton-Rechtecken dasjenige aussuchen, das für sie den „wohlgefälligsten Eindruck“ mache.

Die Ergebnis-Tabelle zeigt, dass den meisten (rund 35 %) das Rechteck mit dem Seitenverhältnis 21:34 gefiel, was auch am nächsten am Goldenen Schnitt lag. Allerdings räumt Fechner ein, dass die Teilnehmer lange zwischen verschiedenen Formaten schwankten, bei einer Wiederholung ein anderes Rechteck wählten und ermuntert werden mussten, möglichst ganz allgemein und durchschnittlich die Wohlgefälligkeit zu beurteilen, nicht nach einem bestimmten Anwendungszweck.

Würde man den Versuch heute wiederholen, schätze ich, dass das Rechteck im gewohnten Fernsehformat 16:9 ziemlich weit vorn dabei wäre; genau wie dasjenige im DIN-Format 1:√2. Diese Verhältnisse sind uns heute einfach sehr vertraut (und darum wohlgefällig?).

Ihr könnt das ja mal ausprobieren: Nehmt ein großes Blatt Papier und zeichnet Freihand und nicht zu groß ein Rechteck mit möglichst harmonischem Seitenverhältnis – gerne im Hoch- und nochmal im Querformat. Wenn ihr nachmesst: Welches Format hat es bei euch?

---
Artikel kommentieren …

Erfundener Zynismus, zum Glück selten

Meine Twitterserie „Erfundene Fakten“ läuft nun seit 11 ½ Jahren. In den letzten Monaten musste ich jedoch feststellen, dass die sonst eher witzigen, absurden und anregenden Folgen ein bisschen in Richtung Zynismus kippen (v.a. № 116, 117 und 120). Ob mir beißender Spott hilft, besser mit unschönen Dingen wie Krieg und Pandemie umzugehen? Zynisch sein angesichts der gefühlten Hilflosigkeit?

Ich denke nicht, dass Zynismus eine gute Strategie ist, denn ein Spötter ist weniger mitfühlend und trägt kaum zu konstruktiven Lösungen bei. Eher vergiftet Spott die Atmosphäre und lässt eine Situation als noch verfahrener erscheinen. Vielleicht dient Bissigkeit wenigstens zeitweilig als Selbstschutz: eine Möglichkeit, sich zu distanzieren und auch mal „böse Ideen“ blühen zu lassen. Man sollte dabei nur aufpassen, niemanden so zu verletzen, dass die gute Beziehung dauerhaft zerstört wird.

Hier jedenfalls die aktuellsten Folgen meiner Twitterserie:

🧼 Erfundenes Faktum № 111: Wer sich nach dem Gebrauch unflätiger Wörter den Mund nicht mit Seife auswaschen möchte, kann alternativ mit Mojito gurgeln. (#)

🎫 Erfundenes Faktum № 112: Weil sich die Sicherheitslage stetig verändert, können verurteilte Al-Qaida-Terroristen problemlos in immer mehr afghanische Städte abgeschoben werden. (#)

📢 Erfundenes Faktum № 113: Der zweite Donnerstag im September wurde deshalb als bundesweiter #Warntag festgelegt, weil sich da statistisch die wenigsten echten Katastrophen ereignen. – Wegen zu vieler gewöhnlicher Vorfälle morgen fällt der Warntag dieses Jahr allerdings aus. (#)

⋒ Erfundenes Faktum № 114: Nur noch acht griechische Obstbauern kennen die geheimen drei Schnitte, durch die sich ein Granatapfel innerhalb von 30 Sekunden sauber zerlegen lässt. (#)

✒ Erfundenes Faktum № 115: Gegen eine akute Schreibblockade helfen für gewöhnlich 3 Tropfen Füllertinte auf die Zungenspitze, am besten funktioniert Minzgrün. (#)

⚒ Erfundenes Faktum № 116: Man beweist echte Stärke, wenn man seine Interessen mit roher Gewalt durchsetzt. Einen Kompromiss auszuhandeln, der allen Beteiligten taugt, ist dagegen kinderleicht und offenbart nur die eigene Unfähigkeit. (#)

⌖ Erfundenes Faktum № 117: Weitere siebzehn russische Oligarchen und Politiker sind gestern tragisch verunglückt. Davon unabhängig bedankt sich die Vereinigung International tätiger Auftragskiller nochmals für die hohe Spendenbereitschaft beim Friedenskonzert in Paris. (#)

▒ Erfundenes Faktum № 118: Wer konzentriert genug hinhört, kann im Rauschen eines UKW-Radios bereits 72 Stunden zuvor die kommenden Nachrichten erfahren (inkl. Lottozahlen!). (#)

🕷️ Erfundenes Faktum № 119: Weil sie seit der frühen Neuzeit als schädliche Parasiten verleumdet werden, weiß heutzutage kaum jemand, dass Zecken im Grunde total nützlich und quasi die Lösung für alle unsere Probleme sind (inkl. Nahost-Konflikt und Erderwärmung). (#)

✺ Erfundenes Faktum № 120: Dank des 9-Euro-Tickets fällt die drohende Corona-Welle im Herbst nun niedriger aus, da ein Großteil der Bevölkerung bereits im Sommer in vollen Zügen immunisiert wurde. (#)

Diese Twitterserie gibt es übrigens schon seit Dezember 2010. Als Blogeintrag gebündelt habe ich die Folgen 1–16, 17–28, 29–40, 41–50, 51–60, 61–70, 71–80, 81–90, 91–100, 101–110 und 111–120.

---
Artikel kommentieren …

Gebremste Kreativität

Gerade in der kreativen Arbeit gibt es viele Hindernisse, die einem entgegenstehen: Fehlende Informationen, unklare Absprachen, unbekannte Tätigkeiten, hohe Selbstkritik, alltägliche Sorgen, Unzufriedenheit mit der Aufgabenstellung und so weiter. Meine alltäglichen Erfahrungen greife ich in der Serie „Fuchs und Ballerina“ auf. Darin versuche ich die Perspektive zu ändern – vom manchmal unsicheren Gestalter zum besonnenen Mentor. Die letzten zehn Folgen:

⦨ „Es ist doch keine Faulheit, weshalb du dich vor dieser Aufgabe drückst“, sprach der #Fuchs zur Ballerina. „Horch in dich hinein: Fehlt dir eine Information, bist du an einer Stelle sehr unsicher oder findest du die Idee eigentlich blöd?“ (#)

⁘ „Frag bei den Details ruhig nach“, sprach der #Fuchs zur Ballerina. „Falls du mit einem Profi arbeitest, hält er dich höchstens für übereifrig. Aber bei einem Laien erspart dir die Fragerei später vielleicht eine Katastrophe.“ (#)

✨ „Mag sein, dass du so etwas noch nie gemacht hast“, sprach der #Fuchs zur Ballerina. „Statt nun aber die Finger davon zu lassen, wie wäre es, wenn du deine Fähigkeiten erweiterst?“ (#)

💡 „Die zweite Idee ist immer etwas schwerer als die erste“, sprach der #Fuchs zur Ballerina. „Meist ist sie aber auch deutlich besser als das Erstbeste, was dir einfällt.“ (#)

⌆ „Auch wenn es gerade nicht so klappt: Denk daran, was du Tolles kannst“, sprach der #Fuchs zur Ballerina. „Schau mal deine früheren Arbeiten durch, das alles hast DU geschaffen!“ (#)

⧉ „Natürlich kannst du es so machen wie alle anderen“, sprach der #Fuchs zur Ballerina. „An den Details wird man aber erkennen, ob du es gelernt und verstanden hast oder ob du nur kopierst.“ (#)

⚖ „Vielleicht öffentlich protestieren, an die richtige Stelle spenden, stille Gespräche führen“, sprach der #Fuchs zur Ballerina. „Tu, was dir am wirkungsvollsten erscheint, um eine Ungerechtigkeit zu bekämpfen.“ (#)

🎋 „Nein, schlecht tanzen sollst du nicht“, sprach der #Fuchs zur Ballerina. „Vielleicht verlangt die Regie etwas, dass nicht deinem Stil entspricht. Trotzdem kannst du es technisch sauber umsetzen.“ (#)

⟲ „Manchmal musst du erst im Kreis laufen“, sprach der #Fuchs zur Ballerina. „Wieder am Ausgangspunkt erkennst du dann vielleicht besser, wohin du eigentlich gehen möchtest.“ (#)

𝌉 „Wenn du nicht vorankommst, liegt es oft an einer versteckten Hürde“, sprach der #Fuchs zur Ballerina. „Überlege, was dir fehlt oder was deine Arbeit erleichtern würde, dann weißt du, was der nächste Schritt ist.“ […] (#)

Inzwischen gibt es über 120 Tweets mit dem #Fuchs. Die anderen Blogeinträge zu dieser Twitterserie:

1. … sprach der #Fuchs zur Ballerina
2. Weisheiten für sensible Künstler
3. Ballerinas Selbstzweifel
4. Ein Fuchs für alle Fälle
5. Pirouetten und andere Probleme
6. Ausgefuchste Antworten
7. Vorgaben hinter sich lassen
8. Die Blöße der Unwissenheit
9. Nicht originell genug?
10. Kunst ohne Publikum
11. Der Fuchs hat Ideen!

---
Artikel kommentieren …

Alle Artikel im Archiv lesen …

Sonstiges

Warum „Charakterziffer“?

Das Wort kombiniert Persönlichkeit (Charakter) mit Sachlichem (Ziffer). Zusammengesetzt ergibt sich ein Synonym für Mediävalziffer, eine Zahlenvariante mit Ober- und Unterlängen.

Schriftarten dieses Blogs

Wenn dein Browser eingebettete Schriften (WOFF2) unterstützt, dann liest du die Fließtexte hier in der Source Sans Pro von Paul D. Hunt, erschienen 2012 bei Adobe.

Die Überschriften sind aus der czSlab gesetzt, die ich für dieses Blog gestaltet habe. Sie orientiert sich an Yanones viel ausgefeilterer Antithesis von 2014.


Impressum/Datenschutz

Anbieterkennzeichnung nach TMG §5:

Gerhard Großmann · Asamstraße 10 · 92366 Hohenfels
E-Mail: postfach2b [ät] web.de (PGP-Schlüssel), SMS: 0178/1961914

Rechtliche Hinweise

§ 1 Externe Links · Dieses Blog verlinkt auf Websites Dritter. Zum Zeitpunkt der erstmaligen Verlinkung waren dort keine Rechtsverstöße ersichtlich. Da ich keinen Einfluss auf fremde Websites habe, kann ich für deren Inhalte und Gestaltung keine Haftung übernehmen. Sollte ich von Rechtsverstößen erfahren, entferne ich die Verlinkung unverzüglich. Eine ständige Kontrolle der externen Links ist ohne konkrete Hinweise aber nicht zumutbar.

§ 2 Datenschutzerklärung · Mir ist der Schutz deiner Daten sehr wichtig. Deshalb verzichte ich auf Cookies, vermeide möglichst Dienste von Drittanbietern und erhebe so wenige Daten wie es geht. Diese Website kann ohne die Angabe persönlicher Daten genutzt werden.

Die einzige Ausnahme sind Kommentare. Wenn du einen meiner Texte kommentierst, bekomme ich die eingegebenen Daten und eine Zeitangabe per (prinzipiell unsicherer) E-Mail zugestellt. Falls dein Kommentar sachlich zur Diskussion beiträgt, ergänze ich ihn öffentlich sichtbar unter dem entsprechenden Artikel. Dabei sind sämtliche Angaben freiwillig (Name, Website, Mailadresse, Kommentar) – auch anonyme Kommentare sind möglich.

§ 3 Widerspruch gegen Direktwerbung · Die Verwendung meiner Kontaktdaten zur gewerblichen Werbung ist ausdrücklich nicht erwünscht; ich widerspreche hiermit jeder kommerziellen Nutzung und Weitergabe meiner Daten (gemäß § 21 DSGVO). // Über private Fanpost freue ich mich allerdings sehr und antworte darauf mit großem Vergnügen!

Website zuletzt erstellt: 2022-09-27T11:44:47+02:00