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Typosafari durch Regensburg

Anfang des Jahres veröffentlichte der Sender arte eine Dokureihe über Typografie im urbanen Raum. In dieser achtteiligen Typo-Safari präsentieren ortsansässige Schriftgestalter typografische Auffälligkeiten ihrer Städte. Ich fand die Serie sehr inspirierend und habe mir vorgenommen, für mein Blog eine Fototour durch meine Stadt Regensburg zu machen.

Eine typische Schrift?

Was bei arte so einfach aussieht, ist in Wahrheit ziemlich kompliziert: Gibt es ein ganz eigenes typografisches Phänomen für Regensburg? Eine so typische Art der Beschriftung, dass man daran die Stadt erkennen kann? Es ist ja nicht so wie bei Amman, Bath, Tilburg oder einigen anderen Städten, für die ganz eigene Schriften gestaltet wurden.

Bei der modernen Regensburger Beschilderung hat sich kein einheitliches Konzept durchgesetzt. Die kontrastarmen Wegweiser zu Sehenswürdigkeiten sind mit der Rotis Sans ein Kind ihrer Zeit, auf die Regeln in öffentlichen Parks weist Times New Roman hin (im Foto mit einem Aufkleber des bekanntesten heimischen Fußballvereins) und die Haltestellen des Busverkehrs sind seit ca. 2011 in der FF Transit beschriftet (vorher: Helvetica).

Die offiziellen Schriften der Stadtverwaltung sind Hermes FB (nur im Logo) und ThesisSans. Man findet sie zum Beispiel bei Schildern der städtischen Wohnungsbaugesellschaft, auf Plakaten städtischer Veranstaltungen oder an Gebäuden von Ämtern (hier leider durch die Allerweltsschrift Arial ersetzt; ich glaube, das Corporate Design Manual erlaubt das im Ausnahmefall sogar, kann das Manual aber nirgendwo finden).

Tausendfach vorhanden

Ein wenig einheitlicher und deutlich präsenter sind die Hausnummernschilder. In Regensburg sind sie dunkelblau mit weißer Schrift (der Straßenname in Fraktur, Ziffern in Antiqua). Ein Pfeil zeigt an, in welche Richtung die Hausnummern aufsteigen. Außerdem stehen auf sehr vielen Schildern in der Altstadt noch die ursprünglichen Litera-Hausnummern.

Seit dem 12. Jahrhundert war die Regensburger Altstadt in acht sogenannte Wachten untergliedert, quasi Zuständigkeitsbereiche von Militär/Polizei. Jede Wacht wurde mit einem Großbuchstaben bezeichnet – von A für die Westnerwacht bis H für die Ostnerwacht, dazu kamen später J für den „Felddistrikt“ (= an die Altstadt grenzender, innerer Westen) und K für Kumpfmühl. Innerhalb einer Wacht waren die Häuser durchnummeriert. Die mittlere Hausnummer oben im Bild enthält übrigens einen „Übersetzungsfehler“: Offensichtlich war vom Vorgängerschild das Fraktur-A (siehe rechtes Schild) als U missverstanden worden.

Typen der Vergangenheit

Aber wie besonders sind solche Hausnummerntäfelchen wirklich? Gibt es die nicht genauso in mindestens fünfzig anderen Städten? Vielleicht sollte man lieber ein Stück weiter in die Vergangenheit reisen und findet dort einzigartige Schriftzeugnisse? Eine damals sehr bedeutende Inschrift definierte die alten Stadtmaße Fuß („statschuch“), Elle („statöln“) und Klafter, die für alle Bürger galten (Bild unten links). Die Maße stehen am alten Rathaus, wo sich auch der Reichstagssaal befindet, in dem zwischen 1663 und 1806 Sprichwörter entstanden sind wie „etwas am grünen/runden Tisch besprechen“ oder „etwas auf die lange Bank schieben“.

Ein regelmäßiges Phänomen in Regensburg sind auch die Donau-Hochwasser. Davon zeugen Wasserstandsmarkierungen an der Historischen Wurstkuchl (Bild unten mittig). Sie liegt am Donauufer neben dem Salzstadl, ganz in der Nähe der Steinernen Brücke. Bis 1146 war hier das Baubüro für die Steinerne Brücke, danach versorgte sie als Garküche unter anderem Steinmetze und Hafenarbeiter. Heute bekommt man dort Bratwürste auf Sauerkraut (natürlich mit süßem Senf) und Kartoffelsuppe.

Rund 300 Jahre alt sind viele Grabinschriften an der Klosterkirche St. Emmeram (Bild oben rechts). Die Kirche gehört zum Regensburger Schloss der Familie Thurn und Taxis, die das Postwesen in Europa aufgebaut hat. Sehr viel kann ich zu den Inschriften nicht erzählen, außer dass sie mir recht gut gefallen.

Schauwert: hoch

Wie interessant oder „sehenswert“ ein Schriftzug ist, kann schließlich auch ein gültiges Kriterium sein, nach dem man die Typografie einer Stadt auswählt. Die Meinungen düften hier zwar sehr auseinander gehen, denn objektiv ist diese Eigenschaft ja kaum … Wer allerdings immer nur mit objektivem Maßstab misst, übersieht vielleicht viele schöne, lustige, seltsame und kunstvolle Eigenheiten.

Oben links: Schusterladen (Weiße-Hahnen-Gasse); darunter: Übung eines Steinmetzlehrlings am Dom (ca. 1975); oben mittig: Buchstabenkugel des Metallbildhauers Peter Schwenk am Verlagsgebäude der Mittelbayerischen Zeitung; oben rechts: Ausschnitt aus dem Wappenschild an der Spitalbrauerei.
Links mittig: Kanaldeckel bei der Dombauhütte (sonst haben die Regensburger Kanaldeckel keine stadtspezifische Gestaltung); mittig: erhabene Hausanschrift in der Lindnergasse; links darunter: Ziffern am Walhalla-Bockerl (Lokomotive der ehemaligen Zugstrecke Regensburg–Walhalla).
Unten rechts: „Zum goldenen M“ am McDonald’s-Restaurants am Arnulfsplatz; unten mittig: Graffiti an einem Tor am Königshof; unten rechts: Stelen am Portal der Schottenkirche

Alles von Hand

Mit etwas Glück entdeckt man in der Stadt auch einige Arbeiten des Kalligrafen Johann Maierhofer, der sein Atelier in der Dänzergasse hat. Vor einigen Jahren hatte er beispielsweise viele Schaufenster in der Altstadt mit kurzen Versen beschriftet.

Ebenfalls handgemachte Schriftkunst findet man im sympathischen Laden Blinkfüer in der Oberen Bachgasse. Die Besitzerin Susanne Kauth arbeitet dort ganz ohne digitale Hilfsmittel und bedruckt im aufwendigen Handsatz verschiedene Materialien – größtenteils mit historischen Holz- und Bleilettern.

Und bei euch? Welche Schriften gibt es in eurem Wohnort zu entdecken? Wenn ihr die Augen offen haltet, findet ihr vielleicht eine schöne Ladenfassade, Gravuren in Mauern oder ungewöhnliche Beschilderungen. Ganz systematisch halten zum Beispiel die Betreiber des Blogs Berlin Typography ihre Entdeckungen fest.

Zum Herunterladen habe ich übrigens alle 24 verwendeten Bilder dieses Blogartikels in eine zip-Datei gepackt (unbearbeitet, in Originalgröße, rund 40 MB).

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Rubrik(en):  #ansporn  #typografie 

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