Tweets mit Anhang

Früher war die Twitter-Welt noch in Ordnung. Man hatte seine 140 Zeichen, die man mit einer interessanten Kurzinformation füllen konnte. Die Beschränkung gebar kreative Nutzungsmöglichkeiten wie den Hashtag: eine Art Schlagwort, mit Hilfe dessen man unterschiedliche Tweets zu einem Thema bündeln kann. Kurz-URL-Dienste kamen auf, damit auch Links in einem Tweet Platz haben konnten. Vor einen Retweet, also Statusmeldungen eines anderen, die man an die eigenen Follower weiterverbreitet, kopierte man RT und den Nutzernamen.

Auch wegen dieser etwas seltsamen Hacks würde ich sagen, dass Twitter für Neulinge eine hohe Einstiegshürde bereit hielt. Es war anfangs unklar, was man eigentlich schreiben sollte, wem man am besten folgt. Ich hatte da zu Beginn auch meine Schwierigkeiten, bis ich langsam den Reiz von Twitter entdeckt habe. Als ich Rückmeldungen bekam, machte es großen Spaß, die Beschränkung der 140 Zeichen auszunutzen und zu versuchen, mit kreativen Lösungen das meiste herauszuholen. Und ich bekam ebenso kurze, witzige, informative Häppchen von den Leuten, denen ich gefolgt bin.

Mehr als 140 Zeichen

Nun sind fünf Jahre vergangen und Twitter hat sich immens weiterentwickelt. Es hat die Hacks seiner Nutzer integriert und sich um viele Funktionen erweitert. URLs werden nun automatisch von Twitter gekürzt (praktischerweise gleich mit einer Click-Tracking-Auswertung), Bilder müssen nicht mehr verlinkt, sondern können direkt bei Twitter hochgeladen werden; seit einiger Zeit sogar mehrere Bilder pro Tweet. 30-Sekunden-Videos sind ebenfalls möglich, und wenn ein News-Artikel verlinkt wird, zeigt Twitter direkt eine kleine Vorschau an. Tweets eines anderen Nutzers können nun sogar zitiert und kommentiert werden – was die Länge eines Tweets quasi verdoppelt.

Das kann einen Tweet natürlich attraktiver, umfangreicher und inhaltlich aussagekräftiger machen. Andererseits geht dadurch meiner Meinung nach etwas wichtiges verloren: Die Herausforderung, einen Inhalt in eine prägnante Text-Form bringen zu müssen.

Ein Text ist zu lang für einen Tweet? Kein Problem: Es gibt Apps, die einen Artikel als mehrere Screenshots an einen Tweet hängen. Mir fehlen die Worte, um die anrührende Wirkung eines Sonnenuntergangs zu beschreiben? Häng ich halt ein Foto an. Ich kann eine Nachricht nicht kurz formulieren? Bette ich halt den Anfang des News-Beitrags ein. Meine Katze macht gerade spektakuläre Saltos? Dann wollen wir mal hoffen, dass die 30-Sekunden-Beschränkung für ein lustiges Video reicht.

Weniger ist mehr

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich habe nichts gegen längere Artikel, Sonnenuntergangsfotos oder … nun ja, gegen Katzenvideos habe ich eigentlich schon etwas (an dieser Stelle steigen nun 95% aller Leser kopfschüttelnd aus).

Es geht mir nicht darum, was ich nicht mag, sondern im Gegenteil, was ich liebe. Und ich liebe nachdenkliche, überraschende, einfallsreiche, witzige und vor allem kurze und prägnante Texte. Ich liebe die Beschränkung und die Hacks mit denen man sie zu durchbrechen versucht. Je mehr Medieninhalte Twitter in seinen Statusupdates erlaubt, desto weniger bleibt übrig von diesem reizvollen Kern.

Und nebenbei: Desto attraktiver wird Twitter für Linkschleudern, Katzenvideo-Poster, Newsartikel-Verbreiter, Foto-Blogger usw. – Bitte bleibt doch einfach bei Instagram, YouTube, Skype und Facebook, wenn ihr keine Kurztexte schreiben wollt.

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Rubrik(en):  #ansporn  #kritik 

2 Kommentare

15.5.2015, 23:44 Uhr

#1 Anatol Broder

Sind durch die erweiterten Möglichkeiten die alten Twitterer unattraktiv geworden? (via Twitter)


16.5.2015, 9:10 Uhr

#2 Gerhard Großmann

Guter Aspekt, Anatol! Zum Teil twittern einige alte Befolgte ebenfalls mehr Fotos oder Links zu Artikeln – wenn ich mich richtig erinnere zu Lasten der reinen Text-Tweets (vermutlich verkläre ich das auch ein wenig).

Bei Facebook hat mir nie gefallen, dass die Posts dort anregen, vor allem sich selbst zu präsentieren (Reisefotos, mein beeindruckendes Auto, wie toll ich kochen kann). So eine Selbstdarstellung ist in 140 Zeichen eher schwierig, weil sie ohne Selbstironie sofort platt und unattraktiv wirkt. Je mehr Ausdrucksmittel man hat, desto leichter ist es, sich selbst zu vermarkten – und desto eher tut man es wohl auch.



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