Totgeschriebene leben länger

Wie katastrophal, die Handschrift stirbt aus! – Ja? Was ist es denn diesmal? Eine Schulreform? Kinder sollen nicht mehr drei Alphabete erlernen, sondern nur noch Druckschrift? Ach komm! Letztlich war Handschrift doch schon immer eine Übungssache – unabhängig davon, welchen Schriftstil jemand in der Schule gelernt hat. Wer viel mit der Hand schreibt, der wird auch schöner schreiben. Wenn jetzt mehr Zeit bleibt, um ein einziges Alphabet gründlicher zu üben, dann ist das aus meiner Sicht eine Verbesserung.

Aber die Computer und diese modernen Smartphones! Die heutige Jugend tippt ja nur noch auf diesen Touch-Screens! Gut, das ist wahrscheinlich kritischer. Nur wer seine Handschrift immer wieder benutzt, hat darin auch Übung. (Deshalb schreiben ältere Menschen meistens schöner als jüngere: Sie hatten einfach schon mehr Zeit zum Üben.)

Eine handschriftliche Notiz wirkt noch immer persönlicher, als ein getipptes Schreiben. Vielleicht, weil man darin die Mühe zu sehen meint, die sich der Verfasser gegeben hat. Handschrift ist direkter, weil sie ohne Zwischenschritt aufs Papier fließt. Würde sie verschwinden, wäre das ein schwerer Verlust. Oder?

Es ist ja nicht so, dass wir damit komplett die Fähigkeit verlören, Gedanken schriftlich festzuhalten. Klar, Handschriftliches ist unabhängig von technischen Geräten und der Stromversorgung. Andererseits lässt sich digital Verfasstes leichter kopieren, schneller verbreiten, barrierefreier gestalten und sogar mit einer automatischen Erinnerung versehen.

Wird die Handschrift deshalb eines Tages verschwinden? Wahrscheinlich genauso (wenig) wie Kupferstich, Ölmalerei, Schallplatten, Postkarten, … Es wird immer Leute geben, die sich eine geübte und ansprechende Handschrift erhalten. Wie viele das dann sind, hängt nicht nur von deren Sinn für Nostalgie ab, sondern vor allem davon, welchen praktischen Nutzen sich Handschrift gegenüber Tastatur-Getipptem bewahren kann.

---
Rubrik(en):  #kritik  #sujet 

Artikel kommentieren

Kommentare werden überprüft, bevor sie veröffentlicht werden. Alle Angaben sind freiwillig, es gibt keine Pflichtfelder (außer das Kommentarfeld selbst).

 (Pseudonym möglich)
 (wird nicht veröffentlicht)

Formatierungen mit HTML sind möglich, z. B. <em>betont</em>, <strong>hervor­gehoben</strong> oder <code>Quelltext</code>. Außerdem Verlinkungen (<a href="http://verlinkte-website.de">Linktext</a>) und Bilder (<img src="http://pfad-zum.de/bild.jpg" alt=Bildbeschreibung">).

← Weisheiten für sensible Künstler

Knapp 8 cm² pro Tag →