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Kaffeezettel

– eine Kurzgeschichte –

So nervös war ich schon lange nicht mehr. Seit einer halben Stunde laufe ich unruhig in meiner kleinen Wohnung auf und ab. Ich kann einfach nicht stillsitzen. Draußen wird es langsam dunkel, aber der Uhrzeiger bewegt sich nicht. Immer noch kurz nach halb acht.

Dabei bin ich doch schon längst startklar. Frisch geduscht, die Feuchtigkeits-Creme aufgetragen, Haare hochgesteckt und danach Make-up aufgelegt. Für heute habe ich mein blaues Abendkleid ausgesucht. Das steht mir so verdammt gut und außerdem ist es doch ein besonderer Anlass.

Eine Tasse mit Briefchen auf dem Unterteller

Er heißt Henry, trägt immer karierte Hemden und schreibt Gedichte. Ich kenne ihn aus meiner Arbeit. Ich bin nämlich Kellnerin im Café an der Ecke und er kommt fast immer, wenn ich auch da bin. Das war schon komisch, das erste Mal, als ich einen Zettel bekam. Henry hatte schon bezahlt und war gegangen. Als ich seine Kaffeetasse abräumte, habe ich den Zettel gesehen. Ein einzelnes Blatt, leicht bräunlich und von einem Notizblöckchen abgerissen. Einmal in der Mitte gefaltet. Zuerst wollte ich das Papier in den Müll werfen, aber dann habe ich die kleine Rose gesehen, ganz winzig außen draufgemalt.

Ich halte es gar nicht mehr aus. In einer halben Stunde kommt er vorbei und holt mich ab. Dabei habe ich noch kein einziges Wort mit ihm gesprochen. Immer nur diese Zettel. Zuerst war es ein kurzes Gedicht, vier Zeilen nur – aber soo romantisch. Beim nächsten Mal hat er geschrieben, dass er mich schön findet. Und ich habe ihm geantwortet, natürlich schriftlich. Habe ganz klein unter die Rechnung geschrieben: „Ich dich auch“.

Seitdem haben wir immer wieder kleine Zettel ausgetauscht – ohne ein einziges Wort darüber zu verlieren. Und heute Abend bin ich mit Henry verabredet. Zettel und Stift liegen schon bereit.

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Rubrik(en):  #sujet 

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