Manches braucht mehr als 140 Zeichen …

Auf dieser Website ist Platz für das, wofür mein Twitterprofil @charakterziffer nicht ausreicht. Mein Blog ist als Plus zu meinen Tweets gedacht, eben „@cz+“. // Die letzten drei Artikel:

Wo Texte eine Bleibe finden

Kürzlich habe ich den Band „Die perfekte Lesemaschine“ gelesen. Darin beleuchtet Roland Reuß in fünfzig Essays verschiedene Aspekte zur Ergonomie des Buches – so der Untertitel. Mir gefiel das Buch recht gut, obwohl (oder auch weil) ich nicht immer der Meinung des Autors war. Hätte er doch nur auf die übertriebenen Bildungsprotzwörter verzichtet (Quisquilie, distrahierend, …) und bloßen Lobpreis des Materials vermieden (Bücher besäßen haptisch erfahrbare Körperlichkeit, das Lesen am Bildschirm sei pathologisch planimetrisch, S. 25) …

Inhaltlich waren die Essays nachvollziehbar, größtenteils gut begründet und vor allem sehr anregend. In diesem Blogeintrag möchte ich mich mit einer Frage aus dem Buch beschäftigen, die der Autor scheinbar plausibel beantwortet, aber meiner Meinung nach nicht ganz durchdacht hat.

Stabiles Buch, vergängliches Internet?

Ein Buch biete einem Text eine Bleibe, um langfristig unverändert zu bestehen. Im Internet seien Texte dagegen instabil und abhängig von technischen, politischen und ökonomischen Bedingungen, z. B. Elektrizität, Zensurfreiheit oder profitablem Serverbetrieb.

Diese Gegenüberstellung macht Roland Reuß einige Male (wie auf S. 23 oder S. 75), vor allem im Essay „Bleibe“ (S. 17f). Damit wird angedeutet, wie überlegen das Buch doch dem Internet sei. Und für sich betrachtet stimmen die beiden Aussagen über Buch und Internet auch, doch der direkte Vergleich führt in die Irre. Und das liegt nicht nur daran, dass die Stärken des einen Gegenstands mit separaten Schwächen des anderen verglichen werden (man würde ja auch nicht die Anfälligkeit für Insektenfraß der weltweiten Verfügbarkeit gegenüberstellen).

Es bleibt, was man bewahren will

Eine wichtige Voraussetzung, damit ein Text erhalten bleibt, ist zunächst einmal das Interesse daran. Wenn der Inhalt eines Buchs niemanden (mehr) anspricht, so wandert es vom Dachboden ins Altpapier und wird aus Bibliotheksbeständen genommen. Genauso wie Blogartikel und belanglose Kommentare untergehen, für die sich einfach keiner interessiert.

Nun verschwinden durch mangelndes Interesse sicher mehr Online-Texte als Buchtexte. Das liegt aber nicht unbedingt an der Erscheinungsform, sondern daran, dass Buchinhalte vorgefiltert werden. Schließlich lehnt ein Verleger von vornherein alle Texte ab, an denen voraussichtlich kaum Interesse besteht. Wer hier also die vielen ungelesenen Netzinhalte anführt, muss die von Verlagen zurückgewiesenen Manuskripte ebenfalls berücksichtigen.

Wenn niemand Interesse daran hat, dann besteht ein 3000-fach gedrucktes Taschenbuch nicht länger als beispielsweise die erste Internetseite http://info.cern.ch/ von 1989.

Es bleibt, was sich nicht abnutzt

Wer diesen Satz hier liest, sieht eigentlich nur eine Kopie der Daten, die auf einem entfernten Server liegen. Es ist der Abruf dieses Textes. Roland Reuß berücksichtigt diese Feinheit nicht und schreibt über Texte im Internet: „Trivialerweise bedarf es der Elektrizität, damit diese Art von Schrift gelesen werden kann“. Was natürlich stimmt, aber nicht den Kern trifft. Schließlich ist ein Text nicht verschwunden, wenn ein Stromausfall die Internetverbindung kappt; er liegt immer noch unbeschadet auf dem Server. Er ist nur genauso unzugänglich wie ein Buch, wenn es gerade jemand anderes in der Hand hält oder die Bibliothek geschlossen hat.

Um Bücher und digitale Texte in dieser Hinsicht fair miteinander vergleichen zu können, muss man von beiden entweder die tatsächliche Speicherform betrachten oder eben den jeweiligen Abruf (das vielfache Lesen).

Wer möchte, dass ein Text lange Zeit besteht, speichert ihn am besten in einer möglichst haltbaren Form. Das Buch ist einigermaßen beständig, hat mäßig hohe Anforderungen an die Lagerung und ist auch nach vielen Jahren noch leicht lesbar. Zwecks einer langen Lebensdauer wählt man natürlich kein säurehaltiges Papier, das sich bereits nach hundert Jahren zersetzen würde. Genauso würde man für einen digitalen Text keine CD-R verwenden, deren Beschichtung nach 10 Jahren abblättert. Eher würde man die einzelnen Bits zum Beispiel auf eine Messingscheibe gravieren – sie ist länger haltbar und leichter zu lagern als jedes Buch. Die technische Lesbarkeit in, sagen wir, 2000 Jahren ist eine andere Frage, welche schon die Voyager Golden Records zu beantworten versucht haben.

Was die langfristige Abrufbarkeit angeht, kommt es im Grunde nur auf die Anzahl der Kopien an. Wird ein Text tausendfach aus nur einem einzigen Buchexemplar gelesen, wird dieses schon sehr bald zerfleddert sein. – So wie auch die Messingscheibe leidet, wenn sie immer wieder in ein Laufwerk gelegt wird. Je öfter der Text allerdings in Kopie vorliegt, desto unempfindlicher ist er gegen eine Abnutzung durchs Lesen/Abrufen. Ein digitaler Text ist hier im Vorteil. Ihn milliardenfach zu kopieren ist deutlich einfacher, als die gleiche Anzahl an Büchern herzustellen.

Keine gefühlten Beweise, bitte!

Mag sein, dass ein altehrwürdiges Buch für einen Text eine angemessenere Bleibe bietet, als das kalte, digitale und ruhelose Internet – doch das ist ein emotionales Argument ohne sachliche Substanz. Genauso könnte man ein Buch als Kerkerzelle verunglimpfen, während sich Texte im Internet frei überall hinbewegen können. Ebenfalls ein emotionales Argument.

Um zu bleiben, braucht ein Text vor allem erst einmal interessierte Leser – dann wird er seine Bleibe schon finden. Ob nun in einem Buch, auf einer Messingscheibe oder als elektronische Blitze im weltweiten Netz.

Schlussbemerkung

In diesem Artikel habe ich mich auf den Aspekt der Bleibe im Sinne der Beständigkeit beschränkt. Die Frage, ob Texte im Buch oder im Netz besser aufgehoben sind, hat noch viele andere Facetten. So haben Online-Texte eine potenziell höhere Reichweite, dafür ist Gedrucktes geschützter gegen Veränderungen (negativ wie positiv). Dazu kommen Gesichtspunkte wie die Abhängigkeit von großen Internetkonzernen, ein begrenzendes Urheberrecht, Books on Demand, typografische Qualität … und letztlich auch die Frage, ob und welche Texte überhaupt bleiben sollten.

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Der Jäger am Himmel

Vom Spätherbst bis Frühlingsanfang steht er jede Nacht gut sichtbar am Himmel: Orion. Er ist das auffallendste Sternbild des Winterhimmels, denn er enthält viele helle Sterne in einer einprägsamen Anordnung, zum Beispiel Beteigeuze und Rigel. Die drei Sterne Alnitak, Alnilam und Mintaka stehen sehr eng in einer Reihe und bilden den Gürtel des Orion.

Das Sternbild Orion
Ergänztes Bildschirmfoto aus dem Programm Stellarium. Illustrationen der Sternbilder von Johan Meuris, veröffentlicht unter der Lizenz Freie Kunst.

Benannt ist Orion nach einem riesigen Jäger aus der griechischen Mythologie. In einer Geschichte soll dieser übereifrig versucht haben, alle Tiere des Erdkreises zu töten. Die Erde selbst hat daraufhin den Skorpion hervorgebracht, der Orion durch einen Stich tötete. Nachdem ein Heiler vergeblich versucht hat, den Jäger zu retten, wurden Orion und der Skorpion als Sternbilder an den Himmel gesetzt, wo sie sich noch heute jagen.

Weil das Sternbild so auffällig ist, haben viele altertümliche Völker ihre eigenen Figuren darin entdeckt: Die Sumerer erkannten darin ein Schaf, die Ägypter ihren Gott Osiris und für die Germanen bildeten die Sterne einen Pflug. Fest steht jedenfalls, dass Orion auch heute Abend wieder am Himmel auftaucht und im Süden seine Bahn zieht.

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Gefühlt wahr

Etwas ist wahr, wenn es sich richtig anfühlt – auf diesen Trugschluss spielt der Begriff „postfaktisch“ an, der von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres 2006 bestimmt wurde. Das Oxford English Dictionary hatte das entsprechende Pendant “post-truth” schon zum International Word of the Year gekürt. Keine gute Entwicklung, wenn die Gesellschaft die Glaubwürdigkeit vermeintlicher Tatsachen danach beurteilt, ob sie gefühlt ins eigene Weltbild passen.

Aber wie sollte man denn sonst entscheiden, welcher Behauptung man Glauben schenkt? Ich denke, eine gute Portion gesunder Menschenverstand hilft schon mal bei einer ersten Einordnung. Wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein (oder zu empörend), dann ist es oft genug auch nicht wahr. Als zweites schaut man sich an, wer diese Behauptung eigentlich verbreitet. Ist derjenige in der Vergangenheit schon öfter durch Meinungsmache oder falsche Aussagen aufgefallen? Ist es jemand, der zu seinen Fehlern steht, sie öffentlich korrigiert und sich selbst auch mal hinterfragt?

Als drittes kann man sich überlegen, mit welcher Absicht eine Behauptung möglicherweise aufgestellt wurde. Wer profitiert davon, wer wird in Misskredit gebracht? Wenn man es jetzt noch schafft, keiner Verschwörungstheorie anheim zu fallen und die Behauptung vielleicht nochmal googelt mit einer möglichst neutralen Suchmaschine überprüft, ist man gut gerüstet.

… und kann sich gefahrlos meinen erfundenen Fakten aussetzen, einer Twitterserie, die es schon gab, als das Wort „postfaktisch“ noch gar keinen Wikipedia-Artikel hatte.

⦼ Erfundenes Faktum № 61: Damit sich Plätzchen in der Dose länger halten, sollte man sie mit viel Salz bestreuen. Es bindet Feuchtigkeit. (#)

💸 Erfundenes Faktum № 62: Wegen des Sturms wurde in vielen Gemeinden das traditionelle Geldverbrennen zum Aschermittwoch abgesagt. (#)

ⴚ Erfundenes Faktum № 63: Um zu verhindern, dass sich Metall in Lebensmitteln anreichert, sollte man Konserven baldmöglichst aufbrauchen. (#)

↭ Erfundenes Faktum № 64: Tratsch hat seine Ursache vor allem in der guten Absicht, andere Leute vor bösen Mitmenschen zu schützen. (#)

🜚 Erfundenes Faktum № 65: Das @CERN finanziert seine Forschungen, indem es aus Blei im Teilchenbeschleuniger Gold herstellt. (#)

𐇯 Erfundenes Faktum № 66: Um leichter im Traum fliegen zu können, sollte man beim Schlafen sehr weiche Wollsocken tragen – und umgekehrt. (#)

𐆀 Erfundenes Faktum № 67: Einige Radiosender unterlegen ihr UKW-Programm jetzt mit Rauschen, um den Verkauf von Digitalradios anzukurbeln. (#)

❄ Erfundenes Faktum № 68: Wer häufig in die Kälte geht, fördert im Körper die Bildung von Glycotivat, einem natürlichen Frostschutzmittel. (#)

🌟 Erfundenes Faktum № 69: Bevor gesicherte Informationen ein Ereignis eventuell banalisieren, sollte man zügig mit Spekulationen beginnen. (#)

🌻 Erfundenes Faktum № 70: Eigentlich bezeichnet „postfaktisch“ nicht die gefühlte Wahrheit, sondern wahre Gefühle […] (#)

Diese Twitterserie gibt es übrigens schon seit Dezember 2010. Als Blogeintrag gebündelt habe ich die Folgen 1–16, 17–28, 29–40, 41–50, 51–60 und 61–70.

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Sonstiges

Warum „Charakterziffer“?

Das Wort kombiniert Persönlichkeit (Charakter) mit Sachlichem (Ziffer). Zusammengesetzt ergibt sich ein Synonym für Mediävalziffer, eine Zahlenvariante mit Ober- und Unterlängen.

Schrift­arten dieses Blogs

Wenn dein Browser eingebettete Schriften (WOFF/TTF) unterstützt, dann liest du die Fließtexte hier in der Source Sans Pro von Paul D. Hunt, erschienen 2012 bei Adobe.

Die Überschriften sind aus der Bitter von Sol Matas gesetzt, die der argentinische Schriftverlag Huerta Tipográfica 2011 veröffentlicht hat.

Hintergrundmuster

Das Hintergrundbild dieser Website beruht auf dem Muster „Shattered“ von Luuk van Baars, entdeckt auf Subtle Patterns.


Impressum

Anbieterkennzeichnung nach TMG §5:

Gerhard Großmann · Geibelplatz 10 · 93051 Regensburg
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Website zuletzt erstellt: 2017-03-25T10:05:32+01:00