Gebrochene Schriften oder Antiqua?

Auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se bin ich auch am Stand des Bunds für deut­sche Schrift und Spra­che vor­bei­ge­kom­men. Der Ver­ein setzt sich seit 1918 für ge­bro­che­ne Schrif­ten ein und hat sich die Pfle­ge der deut­schen Sprach­kul­tur auf die Fah­nen ge­schrie­ben.

Auf mich mach­ten die Pos­ti­tio­nen, wel­che die drei Mit­ar­bei­ter am Stand er­läu­ter­ten, ei­nen sehr rück­wärts ge­wand­ten Ein­druck. Ich fin­de bei­spiels­wei­se, dass durch die Recht­schreib­re­form so ei­ni­ges ver­ständ­li­cher und kon­se­quen­ter ge­wor­den ist (z. B. Dop­pel-s statt ß nach kur­zem Vo­kal). Aber zum The­ma: Sind ge­bro­che­ne Schrif­ten tat­säch­lich „bes­ser“ als die heu­te so ver­brei­te­te An­ti­qua? Ich habe hier mal ei­ni­ge Ar­gu­men­te zu­sam­men­ge­tra­gen.

1) Ein­deu­tig­keit · In der Re­gel steht bei ge­bro­che­ne Schrif­ten das lan­ge ſ. Das run­de s kommt nur am Ende ei­nes (Teil-)Worts vor. Das be­sei­tigt ei­ni­ge Miss­ver­ständ­nis­se: Krei­schen/Krei­ſchen (Kreis-chen/Krei-schen), Ver­sen­dung/​Ver­ſen­dung (Vers-En­dung/Ver-sen­dung) oder Wachstu­be/Wachſtu­be (Wachs-Tu­be/Wach-Stu­be).

2) Wort­bild · Die ein­zel­nen An­ti­qua-Buch­sta­ben be­ru­hen mehr auf geo­me­tri­schen Grund­for­men. Im Ver­gleich zu ge­bro­che­nen Schrif­ten (spe­zi­ell Tex­tur und Frak­tur) sind ihre Let­tern run­der und er­ge­ben kein so ge­schlos­se­nes Wort­bild. Bei­spie­le: Post­schiff/Poſt­ſchiff oder Faust­keil/Fauſt­keil. Das lan­ge ſ trägt zu die­sem kom­pak­te­ren Wort­bild na­tür­lich stark bei.

3) Le­ser­lich­keit · An­de­rer­seits äh­neln sich ei­ni­ge Buch­sta­ben in ge­bro­che­nen Schrif­ten sehr und kön­nen leicht ver­wech­selt wer­den: ſ/f, k/t, x/r (= ſ/f, k/t, x/r), n/u, h/y, v/o (= n/u, h/y, v/o), A/U, B/V, C/E (= A/U, B/V, C/E), G/S, I/J (= G/S, I/J). Das hängt na­tür­lich ein we­nig von der ver­wen­de­ten Schrift und der Le­se­ge­wohn­heit ab.

4) Ty­po­gra­fi­sche Pa­let­te · Für Tex­te mit dif­fe­ren­zie­ren­der Ty­po­gra­fie, bei­spiels­wie­se Dra­men­satz oder Le­xi­kon, be­nö­tigt man Schrif­ten mit ei­ner Fül­le an Aus­zeich­nun­gen: Kur­si­ve, Ka­pi­täl­chen, Fett­schrift, … In ge­bro­che­ner Schrift sind Sper­run­gen üb­lich, um Din­ge her­vor­zu­he­ben. Fett­schrift ist mög­lich, eine Kur­si­ve/Schräg­stel­lung da­ge­gen nicht vor­ge­se­hen. Eine Aus­zeich­nung durch GROSS­BUCH­STA­BEN ist un­le­ser­lich.

5) Sons­ti­ges · Dass ge­bro­che­ne Schrif­ten we­ni­ger Ge­stal­tungs­spiel­raum las­sen, stimmt nicht. Man fin­det schnell her­aus, dass es auch hier ganz un­ter­schied­lich an­mu­ten­de Schrif­ten gibt (ei­ni­ge Bei­spie­le). Zu schrei­ben sind Frak­tur, Ro­tun­da, Tex­tur oder Schwa­ba­cher ge­nau­so auf­wen­dig wie die An­ti­qua (in der Form, wie sie ge­druckt wird). Für den All­tag hat man des­halb da­mals auf Kur­rent oder Süt­ter­lin zu­rück­ge­grif­fen. Ob die sich so leicht und schnell schrei­ben las­sen wie die heu­te ge­lehr­te Hand­schrift, kann ich nicht be­ur­tei­len.

Zu­sam­men­fas­sung · In we­ni­gen Fäl­len mö­gen ge­bro­che­ne Schrif­ten mit ih­rem ſ Un­klar­hei­ten be­sei­ti­gen, mir per­sön­lich ist die Le­ser­lich­keit aber wich­ti­ger. Die­se hängt zwar von der Ge­wohn­heit ab, zu ei­nem gro­ßen Teil aber auch von ein­deu­ti­gen Buch­sta­ben­for­men. Ich fin­de die An­ti­qua mit ih­ren Aus­zeich­nungs­mög­lich­kei­ten brauch­ba­rer und be­vor­zu­ge die­se.

Das be­deu­tet aber nicht, dass man ge­bro­che­ne Schrif­ten ver­ges­sen soll­te – ihre Kennt­nis er­mög­licht Zu­gang zu vie­len äl­te­ren Bü­chern. Au­ßer­dem be­rei­chern sie den ty­po­gra­fi­schen For­men­reich­tum.

Für die Bei­ſpie­le in die­ſen Ein­trag habe ich die Schrift Unifrak­tur Mag­un­tia ge­wählt. Sie be­ruht auf der Main­zer Frak­tur der Bert­hold AG. Die Unifrak­tur wird ak­tu­ell wei­ter­ent­wi­ckelt, hält ſich an Uni­code-Stan­dards und ver­wen­det Open­Ty­pe-Tech­no­lo­gie für in­tel­li­gen­ten Schrift­ſatz. Außerdem hat ſich mit ih­ren Buch­ſta­ben­for­men her­vor­ra­gend für mei­ne Bei­ſpie­le ge­eig­net und iſt über Goog­le Web Fonts ver­füg­bar.

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Rubrik(en):  #typografie 

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