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Vom Einzelblatt zum Buch

Zusammen mit einer befreundeten Künstlerin habe ich das Märchen von Amor und Psyche (aus Der Goldene Esel von Apuleius) als Buch gestaltet. Die Freundin malte mir neun Aquarelle zum Inhalt und ich kümmerte mich um Typografie und Satz des Textes. Wie aus den einzelnen Seiten schließlich ein gebundenes Buch wurde, möchte ich hier dokumentieren:

(1) sortieren, (2) vorstechen, (3) vernähen

❶ Sortieren: Die Blätter haben die doppelte Größe einer Seite. Sie werden in der Mitte gefaltet und in der richtigen Reihenfolge zu Blöcken à 4–6 Blätter ineinander gesteckt. (Beim Druck zuvor spielt die spätere Reihenfolge natürlich auch schon eine Rolle.)

❷ Vorstechen: Mit einer Nadel sticht man alle Blätter eines Blocks vor. Dabei hilft eine Schablone (im Bild blau). Ich empfehle ein Loch etwa alle 2–3 cm, wobei die Anzahl der Löcher insgesamt gerade sein muss.

❸ Vernähen: Zunächst verbindet man die Seiten des ersten Blocks, indem man sie einmal von unten nach oben durchfädelt. Nun legt man den zweiten Block an, den man von oben nach unten durchfädelt. Dabei wechselt man bei jedem Fadenaustritt aber in den ersten Block zurück, um beide Blöcke miteinander zu verbinden. Ebenso bei den weiteren Blöcken.

(4) Vorsatzblätter, (5) Buchbinder-Gaze, (6) Buchschnitt glätten

❹ Vorsatzblätter: Damit der Buchblock später stabil mit dem Einband verbunden werden kann, leimt man vorne und hinten jeweils ein gefaltetes Blatt aus stärkerem Papier auf. Mit Makulaturpapier (im Bild rot) deckt man den Rest des Buchblocks ab und kann so eine schmale Linie Leim entlang der Kante auftragen.

❺ Buchbinder-Gaze: Bei der Gaze handelt es sich um einen grobmaschigen Stoff, der mit ordentlich Leim auf den Buchrücken geklebt wird und die einzelnen Blöcke haltbar verbindet. Dazu den Buchblock einspannen. (Man sollte unbedingt Buchbinder-Leim verwenden. Er bleibt nach dem Trocknen biegsam und bricht später nicht.)

❻ Buchschnitt glätten: Nach mindestens sechs Stunden trocknen (eingespannt) kann man den Buchblock an den drei offenen Seiten beschneiden, um saubere Kanten zu bekommen. Da ich keinen Stapelschneider habe, behelfe ich mir mit einem Schwingschleifer.

(7) Buchdecke, (8) Bezugspapier, (9) Einkleben und trocknen

❼ Buchdecke: Ist der Buchblock auf die richtige Größe beschnitten, fertigt man aus 1,5 mm dicker Graupappe (für kleine Formate auch dünner) die Buchdecke an. Die Breite der drei Einzelteile stimmt mit der Seiten- bzw. Rückenbreite überein, zur Höhe gibt man 2–4 mm dazu. Die drei Teile verbindet man mit einem breiten Streifen Packpapier.

❽ Bezugspapier: Das Bezugspapier als drei sich knapp überlappende Teile mit 2–4 cm Außenrand zuschneiden. Die einzelnen Teile zweimal mit Leim bestreichen und vorsichtig auf die Graupappe kleben (bei dünnem Papier: Leim auf die Graupappe). Dann überstehende Ränder innen festkleben. Den Bezug unbedingt in die Scharnierstellen hineinstreichen, sonst reißt das Bezugspapier an dieser Stelle später ein.

❾ Einkleben und trocknen: Nach einer Trockenprobe werden jetzt nur die Vorsatzblätter und die losen Kanten der Gaze mit Leim bestrichen. Nacheinander mit der Buchdecke verbinden. Den Rücken keinesfalls festleimen! Dann wird das Buch gepresst und sollte mindestens drei Tage trocknen.

Natürlich kann ich hier nur grob beschreiben, wie das Buchbinden vor sich gehen kann. Es gibt ganze Bücher mit detaillierten Arbeitsschritten zu unterschiedlichen Bindetechniken. Ich hoffe aber, einen kleinen Eindruck vermittelt zu haben. Wer möchte, kann die Fotos der Arbeitsschritte auch in etwas höherer Auflösung herunterladen.

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Rubrik(en):  #methodik 

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